Das Buch von Gasche und Guggenbühl stellt eine leicht lesbare und lesenswerte Streitschrift gegen den irrationalen Wachstumsglauben dar, der von rechts bis "links" in der Schweiz, in der EU und in den grössten Teilen der übrigen Welt herrscht. Eindrücklich legen sie dar, was die Fortschreibung des Wachstums der Schweiz der letzten 40 Jahren für das Land bedeuten würde. Sie schliessen: die Wachstumsprediger können schneller reden als rechnen. Denn diese verlangen ein Wirtschaftswachstum vom 3 %, was eine Verdoppelung des Bruttoinlandproduktes (BIP) innert 24.5 Jahren und eine Vervierfachung in 47 Jahren bedeutet: viermal mehr Häuser, viermal mehr Autos, viermal mehr Fastfood-Restaurants oder Spitäler - und das ums Jahr 2050. Wir müssten wohl viermal so viele Schuhe, Pullis und Hemden kaufen und die Wohungseinrichtungen viermal häufiger der Sperrgutabfuhr übergeben. Diese Überlegungen zeigen, dass die Wachtumsprediger nur die nächsten paar Jahre im Auge haben. Weiter geht ihr Denkvermögen nicht.
Die Autoren gehen dann speziellen Vorurteilen nach, welche die Wachstumsprediger für ihre kurzsichtige Propaganda nutzen. Es wird suggeriert, mit mehr Wachstum würde mehr Glück und Zufriedenheit entstehen. Dabei bringt Menschen, die schon viel haben, weiteres Wachstums ihres Vermögens oder ihres Konsums nicht mehr Zufriedenheit. Der Neid Reicher auf noch reichere verschwindet nicht. Nur eine Umverteilung zu den Armen würde mehr Zufriedenheit und Glück in der Gesellschaft bedeuten. Sicherheit des Arbeitsplatzes ist auf einem spezifischen Wohlstandsniveau für die Zufriedenheit wichtiger als Wachstum. Das Wachstums ist für die Zufriedenheit und das Glück vielmehr sogar schädlich: der Lärm, der Stress, die Arbeitswege nehmen zu. Die Natur nimmt ab und die Erholung wird schwieriger.
Auch die weltweite Armut lässt sich durch Wachstum der liberalisierten Wirtschaft nicht wegbringen. Die Armut wird vielmehr durch das liberalisierte Handelsregime erzeugt, welche z.B. das Einkommen der Bauern von Börsenschwankungen abhängen lässt. Die Einkommensunterschiede nehmen deutlich zu. Weil die heutigen Spielregeln des Welthandels die Industriestaaten enorm bevorteilen, hat das globalisierte Wachstum den Unterschied zwischen reichen und armen Ländern vergrössert. Der Unterschied im Pro-Kopf-Einkommen sei heute dreimal höher als 1970, meint der Entwicklungsspezialist der Pharmaindustrie Klaus M. Leisinger.
Sie analysieren auch die Redensart vom qualitativen Wachstum, das sich jedenfalls bisher nicht realisiert hat und auf absehbare Zeit auch nicht realisieren wird. Es besteht ein klar belegbarer Zusammenhang zwischen Steigerung des BIPs der Länder und deren Verbrauch an nicht erneuerbaren Energien und Rohstoffen.
Urs P. Gasche, Hanpeter Guggenbühl, Das Geschwätz vom Wachstum, Orell Füssli, Zürich, 2004.
