Christian Schärer unternimmt den Versuch, verschiedene Reden, die im Vorfeld des EWR gehalten wurden, zu untersuchen. Er beschränkt sich auf eine Rede von Nationalrat Christoph Blocher, gehalten am 23 Oktober 1992 in Genf, eine Rede von Bundespräsident René Felber, gehalten vor der Europäischen Bewegung in Neuenburg (10. 11.92), den Appell des Bundesrats vor der Abstimmung (2. 12. 92). Zudem werden einige Erklärungen von Bundesräten sowie die Erklärung des Gesamtbundesrates nach dem Nein zum EWR analysiert.
Das Unterfangen Schärers ist eigentlich begrüssenswert. Die genaue Analyse von Reden könnte einiges über deren argumentativen Gehalt aussagen und damit zu verlässlichen Aussagen darüber führen, wer nun populistisch (oder populistischer) argumentiert. Leider vermag die Methode von Schärer nicht zu überzeugen. Erstens reduziert er in klassischer Manier die EWR-Gegner auf Blocher-Anhänger. Bei Politikern ist diese Reduktion noch verständlich, da sie ja Politik betreiben und bei den Zuhörern Abgrenzungsbedürfnisse wecken wollen. Bei Wissenschaftlern wird diese Reduktion aber fahrlässig.
Zweitens ist der Begriffsapparat, den er für die Analyse der Texte einführt, unklar. Zwar tauchen in den Wolken undefinierter und unverständlicher Worthülsen manchmal für kurze Zeit Nebellöcher auf, die interessante Tiefblicke erlauben. Insgesamt ist das Vorgehen aber als undurchsichtig zu bezeichnen. Drittens werden die Analyseinstrumente nicht einheitlich angewendet. So bezeichnet Schärer bei Blocher den Umstand, dass dieser oft von der EU (damals EG) rede, obwohl es doch bei der EWR Abstimmung nicht um einen EU-Beitritt gegangen sei, als "déviance logique". Dabei vergisst Schärer zu erwähnen, dass der Bundesrat selber ursprünglich die Verbindung von EU und EWR hergestellt hatte und das EU-Beitrittsgesuch durch diese Verbindung gerechtfertigt hat. Die Tatsache, dass Bundesrat René Felber praktisch immer "EU" mit "Europa" verwechselt, hebt Schärer demgegenüber nicht als "déviance logique" hervor. Einer wissenschaftlichen Analyse von Texten dürften Ungleichbehandlungen dieser Art nicht unterlaufen.
Interessant am Buch ist die Sammlung der analysierten Reden im Anhang. Sie erlaubt es jeder interessierten Bürgerin und jedem Bürger, sich in aller Ruhe darüber Rechenschaft abzulegen, was damals von zwei (nicht allen!) Seiten genau gesagt wurde. Zudem stellt sie künftigen Forschern eine leicht zugängliche Quelle für Analysen zur Verfügung, die von etlichem Interesse sein dürften.
Christian Schärer, Politique européenne de la Suisse, L'échec d'une communication, Bern, Lang, 1996.
