Die Währungsunion gilt als unumstößliche Realität – selbst für Euro-Skeptiker. Doch ihre Konstruktionsfehler belasten nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung Europas, sondern auch die demokratische Selbstbestimmung der Mitgliedstaaten.
Die Dysfunktionalität des Euro ist längst kein Geheimnis mehr. Dennoch – obwohl diese Dysfunktionalität das Wirtschaftswachstum erheblich behindert – wird der Fortbestand der Einheitswährung mittlerweile selbst von euroskeptischen Parteien als unvermeidbare Realität akzeptiert. Anders gesagt: Der Euro bleibt ein Thema, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen, so unangenehm die Diskussion auch sein mag.
Unter normalen Umständen stehen einem Staat mehrere wirtschaftspolitische Instrumente zur Verfügung – darunter die Geldpolitik, die Wechselkurspolitik und die Fiskalpolitik. Mit der Geburt des Euro wurden jedoch die ersten beiden Instrumente auf europäischer Ebene zentralisiert, das dritte durch strenge Sparauflagen eingeschränkt.
Das ist insofern gravierend, als die Fiskalpolitik eng mit der Kontrolle von Geld- und Wechselkursen verknüpft ist. Verliert ein Land die Möglichkeit, eine eigene Währung auszugeben, entfällt ein zentrales Instrument wirksamer Wirtschaftspolitik: sowohl um Nachfrage anzukurbeln als auch Beschäftigung, Industrie und Produktion zu sichern. Mit anderen Worten: die Länder, die der Eurozone beigetreten sind, haben mit einem Schlag einen erheblichen Teil ihrer wirtschaftlichen Souveränität eingebüßt.
Das Kernproblem: Der Verzicht auf nationale Währungshoheit wurde auf europäischer Ebene kaum ausgeglichen. Der Euro ist eine staatenlose Währung, doch robuste Mechanismen zum Ausgleich fehlen. Weder gibt es nennenswerte Finanztransfers zwischen den Mitgliedstaaten noch einen ausreichend großen europäischen Haushalt. Mit rund 1 Prozent des EU-BIP bleibt er im Vergleich zu den über 20 Prozent des US-Bundeshaushalts marginal – und zudem auf viele Programme verteilt. Für große Investitionen oder neue strategische Prioritäten fehlt damit der Spielraum. Das Ergebnis: Die Währungsunion hat die nationalen Investitionsmöglichkeiten stark beschnitten, ohne funktionierende Alternativen bereitzustellen. Deshalb hinken die öffentlichen Investitionen in der EU jenen der USA und anderer führender Volkswirtschaften dauerhaft hinterher.
Eine Krise offenbart die Konstruktionsfehler
Der Euro wurde in direktem Widerspruch zu den etablierten wirtschaftlichen Grundsätzen für die Gestaltung einer Währungsunion geschaffen. Seine mangelhafte Architektur wurde während der Finanzkrise von 2007-2008 deutlich sichtbar. Normalerweise reagieren Länder auf externe wirtschaftliche Schocks, indem sie eine Abwertung ihrer Wechselkurse zulassen, was dazu beiträgt, die Auswirkungen abzufedern. Darüber hinaus können Wechselkursanpassungen dazu beitragen, lang anhaltende Rezessionen zu verhindern, die, wie Untersuchungen gezeigt haben, das langfristige Wachstumspotenzial beeinträchtigen können, indem sie die Dauer der wirtschaftlichen Notlage nach einem Schock verkürzen. Diese Option stand den Ländern der Eurozone jedoch nicht zur Verfügung.
Der Euro entstand im eklatanten Widerspruch zu gängigen ökonomischen Prinzipien für eine stabile Währungsunion – und seine Konstruktionsfehler traten in der Finanzkrise 2007/08 offen zutage. Normalerweise können Staaten externe Schocks durch eine Abwertung ihrer Währung abfedern und so die Folgen mildern. Wechselkursanpassungen helfen zudem, Rezessionen zu verkürzen und das langfristige Wachstumspotenzial zu sichern. Den Ländern der Eurozone war diese Möglichkeit jedoch von Beginn an versperrt.
Als die Finanzkrise ausbrach, traf sie die Mitgliedstaaten besonders hart: Ohne eigene Währung konnten sie keine Anleihen aufkaufen, um auf diese Weise ihre Zinssätze zu stabilisieren. Zugleich weigerte sich die EZB, als Kreditgeber letzter Instanz einzuspringen. Damit waren die Staaten den Finanzmärkten ausgeliefert. Spekulanten trieben die Renditen in die Höhe – vor allem in den südlichen EU-Mitgliedsstaaten. So nahm die europäische Staatsschulden- oder Eurokrise ihren Lauf.
Die Macht der EZB
Fast drei Jahre lang – von Ende 2009 bis Mitte 2012 – griff die EZB nicht ein, um die Staatsanleihemärkte zu stabilisieren. Die Mitgliedstaaten sahen sich gezwungen, drastische Sparprogramme aufzulegen, um die steigenden Zinslasten zu bewältigen. Länder wie Irland, Portugal, Griechenland und Spanien mussten schließlich unter den europäischen Rettungsschirm schlüpfen – und akzeptierten im Gegenzug die harten Auflagen der „Troika“ aus EU-Kommission, EZB und IWF. De facto standen sie damit unter einer Art finanzpolitischer Zwangsverwaltung.
In den Leitmedien und von politischen Entscheidungsträgern wurde die Krise als „natürliche“ Folge exzessiver Staatsverschuldung dargestellt: Die Länder hätten schlicht das Vertrauen der Investoren verspielt. Doch an dieser Erzählung ist wenig natürlich. Tatsächlich resultierte die Verwundbarkeit der Eurostaaten gegenüber den „Bond Vigilantes“ – und damit das reale Risiko von Staatsbankrotten – aus der fehlerhaften Architektur der Währungsunion. Verschärft wurde sie durch das Verhalten der europäischen Institutionen selbst.
Monetär souveräne Staaten – also Länder, die ihre Schulden in der eigenen Währung aufnehmen – können per Definition nicht insolvent werden. Sie sind jederzeit in der Lage, fällige Anleihen zu refinanzieren oder ihre Verbindlichkeiten notfalls durch die Ausgabe neuen Geldes zu bedienen. Damit liegt die Zinskontrolle letztlich immer bei der Zentralbank, die als Käufer letzter Instanz auftreten kann. Japan demonstriert seit Jahren, dass ein hoher Schuldenstand unter solchen Bedingungen kein Problem sein muss: Die Zentralbank hält die Renditen niedrig, und die Märkte haben kaum Möglichkeiten, politischen Druck auf die Regierung auszuüben.
Für die Länder der Eurozone gilt das Gegenteil: Sie nutzen mit dem Euro faktisch eine Fremdwährung. Ihre Situation ähnelt damit eher den Regierungen der US-Bundesstaaten als einem souveränen Staat. Sie können weder Zinsen festlegen noch ihre Schulden durch neu geschaffenes Geld refinanzieren – und sind deshalb real vom Risiko eines Zahlungsausfalls bedroht. Ihre Handlungsfähigkeit hängt davon ab, ob private Investoren bereit sind, ihre Anleihen zu zeichnen – und, im Ernstfall, vom guten Willen der EZB. Der Ökonom Paul De Grauwe brachte es treffend auf den Punkt: Die Eurostaaten sind in einer Lage wie Schwellenländer, die Kredite in einer Fremdwährung aufnehmen müssen.
Die Wurzeln vieler Probleme des Euroraums – bis hin zur Staatsschuldenkrise – liegen in seiner „Erbsünde“: der Aufgabe der Währungshoheit zugunsten einer supranationalen Institution. Es ist, als hätten die Mitgliedstaaten ihr wichtigstes wirtschaftspolitisches Werkzeug aufgegeben, ohne dafür einen verlässlichen Ersatz zu erhalten. Selbst wenn die Europäische Zentralbank rein technisch und regelbasiert agierte, bliebe dieser Souveränitätsverzicht eine fundamentale Schwäche des Europrojekts.
Es bleibt eine einfache Tatsache: Eine Währungsunion, die aus sehr unterschiedlichen Volkswirtschaften besteht, lässt sich nicht wirksam mit standardisierten Regeln verwalten. Solche Einheitsformeln schützen nicht vor externen Schocks – im Gegenteil, sie verstärken deren negative Folgen. Während der globalen Finanzkrise verschärfte die einheitliche Geldpolitik der Eurozone die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen den Mitgliedstaaten deutlich. Kein Wunder, dass bereits in den 1980er und frühen 1990er Jahren viele Ökonomen das Scheitern des Euro voraussagten.
Doch die Europäische Zentralbank ist keine rein technische Institution. Wie Joseph Stiglitz treffend bemerkte: „Es gibt keine wirklich ‚unabhängige‘ Institution. Alle Institutionen werden in gewissem Maße von einer Gruppe vereinnahmt. Wir wünschen uns eine Zentralbank, die die Interessen der gesamten Gesellschaft widerspiegelt. Doch die EZB – wie die Zentralbanken in den meisten Ländern – wird vom Finanzmarkt dominiert, dessen Interessen und Überzeugungen sich grundlegend von denen der breiten Bevölkerung unterscheiden.“
Tatsächlich hat sich die EZB nach der Finanzkrise als genau die politische Institution erwiesen, die sie immer war. In den letzten anderthalb Jahrzehnten hat sie ihre monopolistischen Geldschöpfungsbefugnisse mehrfach und in teils willkürlicher Weise eingesetzt, um Regierungen unter Druck zu setzen, sich der politischen und wirtschaftlichen Agenda der EU anzupassen. Ein markantes Beispiel dafür war 2015 die Entscheidung, das griechische Bankensystem zu schließen, um die Regierung Athens zur Annahme des jüngsten Sparpakets zu zwingen.
Auf diese Weise ist die Eurozone eine historisch beispiellose Konstellation, in der die Staaten der Zentralbank untergeordnet sind. Wie Paul De Grauwe erklärte: „In einem eigenständigen Land hat stets der Staat das Sagen, wenn er in Schwierigkeiten gerät, und zwingt die Zentralbank, die notwendige Liquidität bereitzustellen. In der Eurozone ist es umgekehrt: Die EZB hat Vorrang vor dem Staat. Das ist eine Governance-Struktur, die inakzeptabel ist und langfristig nicht aufrechterhalten werden kann.“
Ein politisches Projekt, kein ökonomisches Modell
Die Einheitswährung ist daher weit mehr als ein wirtschaftliches Problem – sie steht im Zentrum eines demokratischen Vakuums, das mit der Gründung der EU entstanden ist. Dieses Ergebnis war keineswegs zufällig, sondern kann als eines der zentralen, wenn auch weitgehend unausgesprochenen Ziele des Euro betrachtet werden: die Wirtschaftspolitik der demokratischen Kontrolle zu entziehen. In dieser Perspektive ist der Euro – und das umfassendere EU-Integrationsprojekt – vor allem ein politisches Vorhaben, das darauf abzielt, demokratische Gestaltungsmacht einzuschränken, selbst wenn dies auf Kosten von Wirtschaftswachstum und Stabilität geschieht.
Aus diesem Grund blieben die Warnungen zahlreicher Ökonomen vor der Einführung des Euros weitgehend unbeachtet. Es erklärt auch, warum die verschiedenen Krisen der letzten anderthalb Jahrzehnte – von der Eurokrise bis zur Covid-19-Pandemie – keine grundlegenden Reformen der Architektur der EU oder des Euro ausgelöst haben.
Umso bedeutender waren die ausgesetzten EU-Haushaltsregeln und die vorübergehende Rolle der EZB als Kreditgeber der letzten Instanz während der Covid-19-Pandemie. Sie gaben den Ländern der Eurozone vorübergehend einen gewissen Anschein von Souveränität zurück und ermöglichten es demokratisch gewählten Regierungen, ihre Finanzpolitik ohne Vergeltungsmaßnahmen seitens der EZB oder der Europäischen Kommission zu gestalten. Gerade deshalb waren diese Maßnahmen jedoch nur temporär angelegt – denn sie stellten eine fundamentale Herausforderung für die demokratieskeptische Logik des EU-Projekts dar.
Der erste Schritt zur Rückkehr zum Status quo erfolgte im Sommer 2025, als die EZB ihr Anleihekaufprogramm einstellte und die Zinsen anhob. Kurz darauf wurde der restriktive Haushaltsrahmen der EU in Form eines überarbeiteten Stabilitäts- und Wachstumspakts wieder eingeführt. Dies zwingt die Mitgliedstaaten erneut zu Haushaltskürzungen – mit Ausnahme der Verteidigungsausgaben. Zwar wurden mit Initiativen wie dem Fonds „NextGenerationEU“ (NGEU) Fortschritte dabei erzielt, die „föderale“ Fiskalkapazität der EU zu stärken. Doch um mit großen Wirtschaftsmächten wie den USA oder China zu konkurrieren, reichen diese Maßnahmen bei weitem nicht aus. Bis Ende 2023 hatte die Europäische Kommission im Rahmen des NGEU – vor allem über die Aufbau- und Resilienzfazilität (RRF) – mehr als 150 Milliarden Euro an die Mitgliedstaaten verteilt. Über sechs Jahre sollen insgesamt 750 Milliarden Euro bereitgestellt werden. Trotz dieser Summe sind die makroökonomischen Effekte begrenzt.
Zusammengefasst: Trotz wichtiger politischer Entwicklungen in den vergangenen fünfzehn Jahren – vor allem wurden die Befugnisse der EZB und der Europäischen Kommission erweitert – sind die Fortschritte in makroökonomischer und demokratischer Hinsicht gering geblieben. Mehr noch: Die Lage hat sich eher verschlechtert. Die Mitgliedstaaten bleiben in ihrer Wirtschaftspolitik stark eingeschränkt, während die Eingriffsmöglichkeiten der EU-Institutionen deutlich ausgeweitet wurden.
Gleichzeitig bleiben die Investitionen auf europäischer Ebene weit hinter dem notwendigen Umfang zurück. Ein wesentlicher Grund dafür: der Widerstand vieler Mitgliedstaaten gegen die dauerhafte Vergemeinschaftung von Schulden. Selbst der NGEU-Fonds wurde nur akzeptiert, weil er ausdrücklich als zeitlich begrenzte Ausnahme galt. Damit bleiben die fiskalischen und politischen Beschränkungen bestehen: Die nationalen Regierungen sind in ihrer Ausgabenpolitik stark eingeschränkt, ohne dass auf europäischer Ebene ein ausreichender Ausgleich geschaffen wurde. Das schwächt die wirtschaftliche Dynamik Europas – anstatt sie zu fördern.
Damit muss jede neue Initiative auf EU-Ebene – wie etwa der Anfang des Jahres 2025 von der Europäischen Kommission vorgestellte „Kompass für Wettbewerbsfähigkeit“ – innerhalb des engen monetären und fiskalischen Korsetts bleiben. Das schmälert nicht nur ihre Wirksamkeit, sondern auch die nötige Flexibilität, um den unterschiedlichen wirtschaftlichen Realitäten in der Union gerecht zu werden. Selbst ein Ausbau der „föderalen“ Fiskal- und Investitionskapazitäten, wie ihn der „Kompass“ vorsieht, würde die Lage nicht verbessern: Statt die strukturellen Probleme zu lösen, stärkt er vor allem die supranationalen Institutionen – allen voran die Kommission – und vertieft die technokratische, demokratisch kaum kontrollierte Steuerung der EU. Markoskop, Von Thomas Fazi | 01. Oktober 2025 https://makroskop.eu/35-2025/der-preis-des-euro/