Galtungs Buch hat mit der gleichnamigen "Eurotopia" nur den Namen, kaum aber die Ausrichtung gemeinsam. Es handelt sich bei seinen Untersuchungen vor allem um eine realpolitische Analyse von Entwicklungen und Tendenzen mit wenig utopischem Gehalt.
Laut Galtung gibt es in Europa quer durch verschiedene Ideologien eine europäische Kosmologie, die tief verankert ist und selten eigens thematisert wird: Zentrale Inhalte dieser Kosmologie bestehen in folgendem:
Es gibt eine Weltgesellschaft, deren Zentrum Europa ist; Was europäisch ist, ist universal. Die europäische Geschichte ist die Geschichte der Avantgarde der Menschheit. Die Weltgesellschaft durchläuft einen Fortschrittsprozess.
Die europäische Kosmologie ist grössenwahnsinnig und paranoid. Wer sich als das Zentrum der Welt sieht, muss auf Ueberraschungen gefasst sein, von denen die eine oder andere zu einer Krise führen kann. Um Zentrum der Welt bleiben zu können, muss man sich auf Krisenmanagement vorbereiten (Schnelleingreiftruppen). Als Weltminderheit haben die weissen Europäer eine Urangst: Eines Tages werden alle kommen und uns ebenso schlecht behandeln wie wir sie in den letzten 500 Jahren behandelten. Daher ist es besser, auf der Hut zu sein und mit vereinten europäischen Streitkräften für Präventivschläge gerüstet zu sein. Dieser Kosmologie werden, laut Galtung, wenn nötig auch Demokratie und Freiheitsrechte untergeordnet. Die aktuelle Entwicklung in Westeuropa, die als Entdemokratisierung und Oligarchisierung beschrieben werden kann, gibt ihm wohl recht. pr.
Johan Galtung: Eurotopia. Die Zukunft eines Kontinents. Wien, Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft, 1993 (179 S., Fr. 29,8)
