Karl Bürkli, der Sozialist vom Paradeplatz

Urs Hafner liefert mit seinem Buch eine Biografie des sozial engagierten Zürcher Direktdemokraten Karl Bürkli. Bürkli entstammt einer Zürcher Patrizier Familie. Der Vater ist ein Konservativer, der sich gegen die Liberalen stellt. Bürkli selbst lernt ein Handwerk (Gerber), zieht als Geselle durch Frankreich und hält sich für einige Zeit in Paris auf. Dort kommt er in Kontakt mit Ideen Fouriers (sogenannter Frühsozialist). Einige dieser Ideen sollten auf die Biografie Bürklis einen grossen Einfluss haben.

Fourier (1772 - 1837) stellte sich vehement gegen Einheitskultur und staatliche Interventionen, die eine solche anstreben. Er sieht gesellschaftliche Harmonie als Resultat des Auslebens der unterschiedlichen Fähigkeiten und Emotionen der vielfältigen Individuen. Die Individuen müssen nicht an irgendein Ideal angepasst werden, sondern sich gegenseitig durch ihrer unterschiedlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten in eine Gesellschaft integrieren. Diese Ideen sollten in Lebensgemeinschaften verwirklicht werden, die Fourier Phalansterien nannte. Dort sollten die Menschen (ein paar Tausend) gemeinsam leben, lieben, arbeiten und konsumieren. Als bauliche, vermutlich nicht wirklich ernst genommene Vorlage für die Phalansterien diente Fourier der Grundriss von Versailles. Alle Bewohner des Phalansteriums wohnen im selben Palast. Im Zentrum des Palastes werden öffentliche Aufgaben angesiedelt (z.B. Speisesaal, Bibliothek, Wintergarten), in den Flügeln die anderen Tätigkeiten. Die Phalansterien sollen Grandeur ausstrahlen und ein Leben in Luxus bieten. Das kleinbürgerliche isolierte Wohnen soll ersetzen werden. Fourier forderte die Gleichberechtigung von Frau und Mann. Er schrieb z.B. »Die Harmonie entsteht nicht, wenn wir die Dummheit begehen, die Frauen auf Küche und Kochtopf zu beschränken. Die Natur hat beide Geschlechter gleichermaßen mit der Fähigkeit zu Wissenschaft und Kunst ausgestattet.« (Aus der Neuen Liebeswelt). Zudem trat er für ein bedingungsloses Grundeinkommen ein: die Versorgung aller in der Gesellschaft mit dem Lebensnotwendigen ist als ein Recht zu betrachten. Nicht von Bürkli aufgenommen wurde der Antisemitismus von Fourier.

Ein für Bürkli wichtiger Schüler Fouriers war Victor Considerant (1808 – 1893). Dieser forderte als erster das Recht auf Arbeit. Considerant trat auch für das Verhältniswahlrecht ein und befürwortete die direkte Demokratie. Im Juni 1848 war er der einzige Abgeordnete des französischen Parlamentes, der für das Stimmrecht der Frauen eintrat.

Nach seinen Pariser Jahren kehrte Bürkli nach Zürich zurück, wo er mithalf, den Konsumverein zu gründen. Der Verein hatte zum Ziel, Produzenten und Konsumentinnen einander näherzubringen. Bürkli wollte mit dem Konsumverein aber weitergehen und Fouriers Utopie in ihren Grundzügen verwirklichen, womit er allerdings scheiterte. Wichtig war ihm auch die Gründung einer Bank, die im Dienste der arbeitenden Bevölkerung zu stehen hätte. Damit war der Grundstein für die Forderung nach Kantonalbanken gesetzt. Zuletzt fordert er die direkte Demokratie, die er reine Demokratie nannte: «Die reine Demokratie scheint mir die letzte und mildeste Form des Zwangsstaates, des Prinzips der Autorität zu sein, ehe sich der Staat in die zukünftige, auf Assoziation fussende Gesellschaft ganz und gar auflöst und zur blossen Administration wird. Die wahre Politik des Staatsmanns muss, meines Erachtens, darin bestehen, den Staat durch Volksbildung und durch Vervollkommnung der Arbeit der vorwärts schreitenden Gesellschaft anzupassen, das heisst der Staat darf die Gesellschaft nirgends drücken, wenn er eine gewaltsame Revolution verhüten will». In Zürich entschloss er sich dann, mit Considerant nach Texas zu gehen, um dort ein Phalansterium, La Réunion genannt, aufzubauen. Er überzeugte etliche Mitbürger, dorthin mitzukommen. Wie zu erwarten, erfüllten sich die Hoffnungen an das Experiment nicht – die Beteiligten erwartete harte Arbeit. Angesichts fehlender Erfahrungen mit Landwirtschaft und damit verbundenen handwerklichen Kenntnissen sowie internen Spannungen scheiterte das Experiment. Vor dem endgültigen Ende von La Réunion beteiligte sich Bürkli an einem sozial verbrämten militärischen Abenteuer unter der Führung von William Walker (1824 – 1860) in Nicaragua. Nach entsprechenden Erfahrungen kehrte Bürkli nach Zürich zurück, wurde Wirt und widmete sich dem Kampf für die direkte Demokratie und für soziale Forderungen in Zürich. Er bekämpfte das «System Escher» und war an der Bewegung Ende 1867 beteiligt, die zur Zürcher Verfassung von 1869 führte. Referendum und Initiative werden in die Verfassung aufgenommen, unter anderem auf das Plädoyer von Bürkli hin. Bürklis Mitstreiter Friedrich Albert Lande hält in Winterthur fest, dass diese Verfassung der «erste konsequent durchgeführte Versuch sei, den demokratischen Staat von der Vormundschaft der Repräsentanten zu befreien und mündig zu machen, ohne in das Landsgemeindesystem zurückzufallen».

In der ersten Internationalen macht Bürkli Werbung für die direkte Demokratie und wendet sich sowohl gegen Bakunin wie auch gegen Marx, die sich beide über Bürkli lustig machten. Obwohl er ebenfalls von der Auflösung des Staates in die zukünftige, auf Assoziation fussende Gesellschaft träumt, ist ihm die Wichtigkeit des Weges dorthin bewusst. Praktische Forderungen müssen die Zukunft wenigstens teilweise vorwegnehmen. Dies ist auch – von Bürkli nicht notiert – unter einem anderen Gesichtspunkt zentral: Sollte sich die (äusserst unwahrscheinliche) Auflösung des Staates nicht ereignen, so lebt man wenigstens in möglichst demokratischen Strukturen.

Das Buch von Urs Hafner ist flüssig geschrieben. Ihm gehe es ums gute Lesen, schreibt Hafner. Leider widersteht er dabei nicht immer der Versuchung, den Akteuren Emotionen anzudichten, die historisch kaum nachweisbar sind. Dadurch wird man bezüglich der Darlegung der historischen Fakten etwas misstrauisch. (pr).

Urs Hafner (2023), Karl Bürkli, der Sozialist vom Paradeplatz, Basel: Echtzeitverlag

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