Starke Euro-Gegener in Schweden
In der sozialdemokratischen Partei Schwedens herrscht keine gute Stimmung. Der Grund dafür liegt in der Abstimmung über die Einführung des Euro, die im September stattfinden wird. Die regierenden Sozialdemokraten sind in der Frage seit je tief gespalten, aber in jüngster Zeit ist die Spaltung zu einem offenen Konflikt angewachsen. Ministerpräsident Göran Persson machen zudem die schlechten Umfrageergebnisse zu schaffen. Nachdem die Ja-Seite lange die Oberhand gehabt hatte, legte die Euro-Gegnerschaft seit Jahresbeginn rasant an Stärke zu. Laut einer Ende April veröffentlichten Umfrage wollen derzeit (Anfangs Mai 03) 50 Prozent der Bürgerinnen und Bürger gegen den Euro stimmen, während nur deren 34 die Einheitswährung befürworten und 16 Prozent noch unschlüssig sind. Dieser Trend hat Persson zu einem radikalen Kurswechsel bewogen: Ursprünglich hatte er die Abstimmungskampagne erst im August einleiten wollen. Nun benutzte er seinen Auftritt in seinem Herkunftsort Katrineholm am 1. Mai für die Einleitung einer Offensive für den Euro. Auch die ihm nahestehende Aussenministerin Anna Lindh, die in Stockholm zu spärlicher Anhängerschaft sprach, plädierte für die Mitgliedschaft in der Währungsunion.
Die Ministerin stiess bei ihren Zuhörern nicht auf ungeteilte Zustimmung. Am Rande der Stockholmer Kundgebung hatte sich eine Gruppe von Jungsozialisten (SSU) versammelt, die die Aussenministerin an den offenen Konflikt um den Euro in der eigenen Partei erinnerte. Die Jungsozialisten hatten sich den Mund verbunden und trugen Plakate, auf denen «Göran, wir stimmen trotzdem Nein» zu lesen war. Damit protestierten sie dagegen, wie Persson in den letzten Tagen mit Euro-Gegnern in der eigenen Partei umgegangen war. Der Regierungschef hatte sich nämlich vergangene Woche zu einem harten Durchgreifen entschlossen. An der Sitzung des Parteivorstands vom letzten Freitag setzte er durch, dass führende Sozialdemokraten sich nicht in der Nein-Kampagne engagieren dürfen. Wenige Tage später wurde bekannt, dass er bei Androhung von Kündigung zwei Staatssekretärinnen dazu aufgefordert hatte, vom Vorstand einer sozialdemokratischen Vereinigung gegen die Währungsunion zurückzutreten.
Der Regierungschef verteidigt seine harte Linie damit, dass hinter dem Ja der Regierung zum Euro ein Beschluss eines sozialdemokratischen Parteikongresses steht. Zudem könnten Staatssekretäre, die für die Regierung arbeiteten, nicht in ihrer Freizeit eine Kampagne unterstützen, die gegen deren Ziele gerichtet sei. Für die Euro-Gegner ist das Verbot nichts anderes als ein Maulkorb, und die EU-Parlamentarierin Maj Britt Theorin bezeichnete das Verhalten der Parteileitung gar als Stalinismus. Unterdessen liess sich der vielleicht prominenteste Euro-Gegner in der Regierung, Wirtschaftsminister Leif Pagrotsky, nicht beeindrucken, sondern führte in seiner 1.-Mai-Rede in Sundsvall ein weiteres Mal seine Grunde gegen die Einheitswährung auf.. Er bezeichnete den Euro kürzlich in einem Artikel als «Machowährung», welche Schweden nur höhere Arbeitslosigkeit und Inflation bescheren würde.
Der Euro ist nicht das einzige Thema, das Göran Persson derzeit Probleme bereitet. Er muss sich überdies den Vorwurf gefallen lassen, nach dem Wahlsieg vom letzten Herbst seine Versprechen verraten zu haben. Angesichts der angespannten Wirtschaftslage nahm die Regierung nämlich im kurz vor Ostern vorgelegten Budget etliche Einsparungen im Sozialbereich vor; unter anderem wurde das Krankentaggeld gekürzt. Dabei hatte Persson im Wahlkampf den bürgerlichen Parteien vorgeworfen, sie wollten den Wohlfahrtsstaat abbauen. Die Sozialdemokraten dagegen würden für seine Bewahrung einstehen. Noch im Herbst hatte Persson auch Verständnis für die höheren Lohnforderungen der Gemeindeangestellten gezeigt, von denen ein Grossteil im Sozial- und Gesundheitssektor tätig ist. Jetzt aber, wo die Gemeindearbeiter einen gross angelegten Streik angekündigt haben, mischt sich die zentrale Parteileitung nicht in den Konflikt ein, und auf Gemeindeebene stemmen sich viele sozialdemokratische Politiker den gewerkschaftlichen Forderungen der Gemeindeangestellten mit aller Kraft entgegen.
Auch in der Euro-Frage hat sich Göran Persson mit den Gewerkschaften überworfen. Der zentrale Gewerkschaftsdachverband LO forderte, dass die Regierung bei einem Beitritt zur Währungsunion sogenannte Puffer-Fonds einführe. Mit diesen staatlichen Fonds soll in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit die Konjunktur angekurbelt werden. Nach langwierigen Verhandlungen widersetzte sich Persson der Forderung von LO, wohl nicht zuletzt aus Angst, eine solche Massnahme würde einen Verlust von Ja-Stimmen aus dem bürgerlichen Lager nach sich ziehen. LO verweigerte darauf die Unterstützung im Abstimmungskampf, und verkündete, man nehme eine neutrale Haltung ein. NZZ, 5. 5. 03, S. 5