Dank Mario Draghi sei Italien in wenigen Monaten vom "jugendlichen Straftäter der EU" zum "Vorzeigeeuropäer" geworden. Was ist dran an dieser medialen Erzählung vom langersehnten Modernisierer und Revolutionär?
Von einem unbändigen Enthusiasmus sind sowohl die lokale als auch die internationale Presse ergriffen, seit der ehemalige Präsident der Europäischen Zentralbank Mario Draghi Mitte Februar als neuer italienischer Ministerpräsident vereidigt wurde. Diese Ergriffenheit grenzt nicht selten an die Art von Personenkult, den man eher mit totalitären Regimen in Verbindung bringt, als mit "liberal-demokratischen" Gesellschaften.
Jüngste Beispiele für ungezügelten "Draghismus" sind zwei Artikel in der New York Times und der Financial Times. Die Argumente sind mehr oder weniger dieselben: Dank Draghi sei Italien in nur wenigen Monaten vom "jugendlichen Straftäter der EU" zum "Vorzeigeeuropäer" geworden, wie es ein in der Financial Times zitierter Senior Policy Fellow des European Council on Foreign Relations ironiefrei formuliert.
Wenn wir dieser phantasievollen Erzählung Glauben schenken sollen, dann lag Italien, bevor Draghi auf der Bildfläche erschien, "bei der wirtschaftlichen Dynamik und den dringend benötigten Reformen hinter seinen europäischen Partnern zurück" und war "zu einem Paria innerhalb der EU" geworden, nachdem es von gefährlichen "Populisten" (nämlich der Fünf-Sterne-Bewegung und der Liga) okkuppiert worden war. Diese hätten Italien in "einen instabilen und nicht vertrauenswürdigen Partner verwandelt", wollten "die EU schwächen und mit Moskau und Peking flirten" und ruinierten damit den internationalen Ruf des Landes.
Nun aber hat sich alles geändert. Nicht nur, dass Draghi endlich die "Reformen" anführt, die Italien angeblich so "dringend braucht". Sein "Reformplan", den er kürzlich in Brüssel als Bedingung für den Zugang zu den Geldern aus dem viel gepriesenen "Rettungsfonds" der EU – der European Recovery and Resilience Facility – eingereicht hat, wurde von Bloomberg als "einmalige Gelegenheit [zur] Modernisierung eines dysfunktionalen Staates" gepriesen. Aber, so die Financial Times, "Roms Stimme [wird jetzt] laut und deutlich in Paris und Berlin gehört" und bestimmt in der Tat "zunehmend die Agenda, während die EU versucht, aus der COVID-19-Pandemie herauszukommen".
Insbesondere wird Draghi bescheinigt, dass er die EU bei der (notorisch langsamen und chaotischen) Einführung von Impfstoffen "aufgerüttelt" hat, nachdem er eine für Australien bestimmte Lieferung von Impfstoffen beschlagnahmt hatte, was die Europäische Union dazu gebracht haben soll, "noch umfassendere und härtere Maßnahmen zu genehmigen, um den Export von COVID-19-Impfstoffen zu unterbinden, die in Europa bitter benötigt werden".
Schließlich wurde Draghi auch dafür gelobt, dass er bei der Fiskalpolitik in Europa eine Vorreiterrolle einnimmt, indem er "Europas größtes Konjunkturprogramm" ankündigte, das angeblich dazu beiträgt, "den Block mehr auf Linie mit dem Vorstoß in der gesamten fortgeschrittenen Welt zu bringen, mit außergewöhnlichen Konjunkturmaßnahmen der Regierungen auf eine beispiellose Wirtschaftskrise zu reagieren".
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Mario Draghi im Alleingang eine Revolution nicht nur in Italien, sondern in der gesamten EU in die Wege geleitet hat. Und das alles im Laufe von ein paar Monaten. Aber halten irgendwelche dieser großartigen Behauptungen einer ernsthaften Prüfung stand?
Beginnen wir mit der Annahme, dass die Probleme Italiens im Wesentlichen in den fehlenden marktliberalen Reformen liegen und dass das Land durch dessen Einleitung endlich wieder auf einen Wachstumspfad gebracht werden kann. Das ist eine alte Erzählung, die besonders nördlich der Alpen sehr beliebt ist. Leider wird sie von den wirtschaftlichen Daten nicht gestützt.
In der Tat hat Italien seit den frühen 1990er Jahren, wie eine aktuelle Studie dokumentiert, eine Vielzahl von "Marktreformen" umgesetzt: Reformen der "coporate governance", die darauf abzielen, die Unternehmenskontrolle durch Aktionäre anfechtbarer zu machen, die Privatisierung der wichtigsten staatlichen Banken und Unternehmen, Reformen, die die "Flexibilität" des Arbeitsmarktes vergrößern und Reformen, die den Wettbewerb auf den Produktmärkten intensiviert. Die Studie belegt, "dass Italien intensiver als die meisten anderen Länder liberalisierte, insbesondere ab 1992, mehr als Deutschland und vor allem Frankreich". Allein in den letzten zehn Jahren hat sich Italiens "ease of doing business"-Ranking laut Weltbank von Platz 78 auf Platz 58 verbessert – aber ohne spürbare Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum.
Tatsächlich ist die Einleitung dieser Reformen mit einem Beginn der Stagnation der italienischen Wirtschaft zusammengefallen. Das ist kein Zufall: Inzwischen ist empirisch belegt (siehe hier und hier), dass Italiens jahrzehntelange Krise als eine Krise der Post-Maastricht-Ordnung des italienischen Kapitalismus betrachtet werden sollte, die auf Privatisierung, fiskalischer Austerität, Lohnkompression und der radikalen Deregulierung der Arbeitsmärkte beruht ( euphemistisch "Strukturreformen" genannt), welche die Essenz des makroökonomischen Regelwerks der Wirtschafts- und Währungsunion darstellen.
Interessanterweise war einer der Anführer dieses "Reformregimes" schon in den frühen 1990er Jahren kein anderer als Draghi selbst. Das Letzte, was Italien also braucht, sind weitere wachstumshemmende Reformen, die den gegenwärtigen Schlamassel Italiens erst verursacht haben.
Denjenigen, die behaupten, Italien sei gesegnet, weil es endlich einen überzeugten EU-Befürworter an der Spitze hätte, sei gesagt, dass Italiens Regierungen in den letzten Jahrzehnten allesamt überzeugte EU-Befürworter waren. Da die Regierung der Fünf-Sterne-Bewegung nur etwas mehr als ein Jahr an der Macht war (2018-2019), ist es schwer, die Schuld für Italiens Probleme den "Populisten" zuzuschieben.
Was die Behauptung betrifft, Draghi habe die Einführung von Impfstoffen in der EU " in Gang gebracht", ist unklar, auf welches Ereignis sich diese Aussage bezieht. Die EU liegt weiterhin dramatisch hinter anderen fortgeschrittenen (und sogar vielen nicht fortgeschrittenen) Ländern zurück, was die Impfstoffversorgung angeht, und ihre Beschaffungsstrategie stößt weiterhin auf eine Hürde nach der anderen. Darüber hinaus mutet die Tatsache, dass EU-Enthusiasten jetzt Draghi und die EU dafür loben, endlich den Export von Impfstoffen eingeschränkt hat, geradezu surreal an. Es sei daran erinnert, dass die EU auf der Sakralisierung der vier kapitalistischen Freiheiten – dem freien Waren-, Dienstleistungs-, Kapital- und Personenverkehr – und der strikten Begrenzung von staatlicher Eingriffe in die Wirtschaft gegründet ist. Die Tatsache, dass dieselben Enthusiasten des freien Marktes (einschließlich Draghi), die jahrelang diese neoliberale Architektur der EU verteidigt haben, nun Exportkontrollen bejubeln, ist grotesk - und zeigt, dass die EU nur überleben kann, indem sie ständig ihre eigenen Regeln verletzt.
Die ganze Situation wird aber noch skurriler dadurch, dass die EU kein wirkliches Exportverbot durchgesetzt hat. Wir haben es also mit einem Narrativ zu tun, das weder seinen eigenen Maßstäben genügt, noch der Wahrheit entspricht. Tatsächlich zeigen die neuesten Daten, dass die Europäische Union weiterhin mehr Impfstoffe exportiert als sie verabreicht.
Apropos Impfstoffe: Bemerkenswert ist auch, dass Draghi nicht einmal zur jüngsten Telefonkonferenz zwischen Merkel, Macron und Putin eingeladen wurde, um Russlands Impfstoff Sputnik V zu diskutieren - so viel zum Thema "die Agenda in Europa bestimmen".
Schließlich ist Draghis "massives" Konjunkturprogramm bei näherem Blick viel weniger beeindruckend, als insinuiert wird. Draghi hat angekündigt, dass er das Defizit der Regierung auf 11,8 Prozent des BIP erhöhen wird. Das mag viel klingen, allerdings lag das Defizit im letzten Jahr bei 10,8 Prozent des BIP. Wir haben es also bestenfalls mit einem Anstieg des Defizits um einen Prozentpunkt zu tun. Das ist nicht gerade ein Konjunkturimpuls. Der ehemalige stellvertretende Direktor in den Abteilungen Forschung und Europa des Internationalen Währungsfonds, Ashoka Mody, kommentierte das auf Twitter so:
"Die Zahl zeigt, dass ein Defizit nicht dasselbe ist wie ein Stimulus. Das Defizit ist hoch, weil die Wirtschaft in diesem Jahr zusammengebrochen ist. Ein Stimulus ist eine Erhöhung des Defizits, um das Wachstum anzukurbeln. Meine Lesart der IWF-Zahlen ist, dass Italien sowohl bei der Stimulus- als auch bei der Wachstumsmetrik im nächsten Jahr zurückbleiben wird".
Alles in allem ist Draghi auf dem besten Weg, ein Macron 2.0 zu werden: Zum Zeitpunkt seiner Wahl wurde der französische Staatschef auch von den Mainstream-Medien als großer Modernisierer und EU-freundlicher Reformer gepriesen; heute hat er einen der niedrigsten Beliebtheitswerte in Europa. Man kann die Realität beschönigen, so viel man will, früher oder später holt sie einen ein. Von Thomas Fazi, 29. April 2021, https://makroskop.eu/15-2021/draghismus-glaubt-nicht-dem-hype/