Plädoyer für eine aktive und lölsungsorientierte Politik
Von Michline Calmy-Rey, Bundespräsidentin und Vorsteherin des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten in der NZZ, 24./25. März 2007, SB 5.
«Die Schweizer reden immer von Europa, die anderen bauen es.» Diese Einschätzung hört man bezeichnenderweise öfter in der Schweiz als im Ausland. Die einen begrüssen und mythisieren hierzulande den vermeintlichen schweizerischen Alleingang, die andern bedauern ihn.Unnötigerweise, denn dieses Abseitsstehen der Schweiz ist ein Missverständnis. Der englische Historiker und Osteuropa-Spezialist Timothy Garton Ash hat die wichtige Unterscheidung zwischen Europa, dem Kontinent, und EU-ropa, der Europäischen Union, gemacht. Die Schweiz ist zwar nicht Mitglied der EU. Sie ist aber sehr wohl ein europäisches Land und ebenso aktiv wie solidarisch an der Gestaltung des Kontinents beteiligt. Entsprechend hat sie eine Europapolitik, die weit über die bilateralen Abkommen mit der EU hinausgeht: Sie ist engagiertes Mitglied des Europarates und beteiligt sich im Rahmen der Uno, der EU und der OSZE an der Friedensförderung in Südosteuropa. Seit dem Ende des Kalten Kriegs unterstützt die Schweiz Reformen in den ehemals kommunistischen Staaten Osteuropas. Wir sind daran, diese Unterstützung durch den Erweiterungsbeitrag zugunsten der 2004 beigetretenen neuen EU- Staaten auszubauen. Schliesslich ist die Schweiz konstruktive Partnerin im gemeinsamen europäischen Forschungsraum sowie bei der Umsetzung einer effizienten und zugleich umweltgerechten Verkehrspolitik - beispielsweise mit dem Bau der Neat. Unsere Verkehrspolitik hat in ganz Europa Modellcharakter.
Erfolgreicher Bilateralismus
Es gibt mit anderen Worten in Europa einen Platz für die Schweiz. Und es gibt in der Schweiz einen Platz für eine Europapolitik. Die falsche Debatte über den vermeintlichen Alleingang ist bezeichnend für den in der Schweiz dominanten europapolitischen Diskurs, der sich um die immer gleiche Frage dreht: «EU-Beitritt, ja oder nein?» Als Ausgangspunkt einer soliden, nachhaltigen Politik in Europa ist diese europapolitische Gretchenfrage zu eng. Denn die eigentliche Frage ist grundsätzlicher: Wie erreichen wir unsere materiellen und ideellen Ziele im europäischen Kontext am besten? Der Bundesrat hat sie im Europa- bericht 2006 ausführlich beantwortet: auf dem sogenannten bilateralen Weg - zumindest zu diesem Zeitpunkt und bis auf weiteres. Damit setzt der Bundesrat eine Politik fort, die uns über die Jahrzehnte eine kontinuierliche, vertraglich abgesicherte Vertiefung und Verbesserung unserer Beziehungen mit der EU ermöglicht hat. Der bilaterale Weg ist heute zur erfolgreichen Marke einer spezifisch schweizerischen Europapolitik geworden, die als Alternativ- und Komplementärprogramm der Integrationspolitik der EU besteht: Konkrete gemeinsame Interessen und Probleme in klar umgrenzten Bereichen regeln die Schweiz und die EU in massgeschneiderten Abkommen. Das betrifft in erster Linie Wirtschaftsinteressen, aber auch Bereiche wie Sicherheit, Forschung, Umwelt oder Kultur. Der bilaterale Weg ermöglicht eine Politik der Offenheit, Zusammenarbeit und Mitverantwortung in den Beziehungen Schweiz - EU. Die Kooperation bei der grenzüberschreitenden Besteuerung von Zinseinkünften, das koordinierte Vorgehen in der Asylpolitik oder der schweizerische Erweiterungsbeitrag sind Beispiele dafür. Gleichzeitig bewahrt dieser Ansatz die institutionelle Unabhängigkeit der Schweiz, wobei die Schweiz aber auf Mitentscheidungsrechte in der EU verzichtet.
Reichhaltiges Menu
Dieser bilaterale Weg ist ambitiös, umso mehr als die EU inzwischen auf 27 Mitgliedstaaten angewachsen ist. Mit der Umsetzung der rund 20 wichtigen bilateralen Abkommen und einer Reihe neuer beidseitiger Interessenbereiche wie Strom, Gesundheit oder Agrarfreihandel bleibt das thematische Menu reichhaltig. Selbstgefälligkeit und jegliche Form von Routine werden wir uns auch in Zukunft nicht leisten können. Die schweizerische Europapolitik muss fit bleiben; das heisst offensiv, selbstbewusst und selbstverständlich lösungsorientiert. Dafür muss der politische Ansatz laufend auf Effizienz und Erfolg überprüft und wenn nötig angepasst werden. So muss der bilaterale Ansatz pragmatisch überdacht werden, wenn sich der Gestaltungsspielraum der Schweiz (Stichwort «autonomer Nachvollzug») verschlechtert, wenn sich die Bereitschaft der EU zu vertraglichen Lösungen verringert oder wenn sich wirtschaftliche Rahmenbedingungen ändern. Dabei müssen wir uns aber bewusst sein, dass es die hierzulande oft geforderte «Ruhe» in den Beziehungen mit unseren Nachbarn nie geben wird. Zu gross ist das gegenseitige Interesse am Partner. Und dieses manifestiert sich zuweilen mit Vehemenz. Ebenso falsch wie ein Harmoniebedürfnis in der Europapolitik ist aber auch die chronische Erwartung der Sackgasse, in welcher der bilaterale Weg zweifellos enden müsse. Diese Vorstellung hat gerade vor dem Hintergrund des gegenwärtigen Steuerstreits zwischen der Schweiz und der EU wieder Konjunktur. Diese Differenz mit der EU ist sicher ein brisantes Thema, aber eben nur ein Aspekt unserer breit gefächerten Beziehungen. Es geht, wie in so manchen Bereichen unserer globalisierten Welt, um Wettbewerb - und der kann rau sein. Dies gilt für die EU-Mitgliedstaaten ebenso wie für uns. Unsere Unternehmen haben sich längst daran gewöhnt. Die Politik ist hier noch in einem Lernprozess. Ein Rahmenabkommen im Visier Als Möglichkeit einer institutionellen Verbesserung der bilateralen Zusammenarbeit prüfen die Schweiz und die EU zurzeit ein Rahmenabkommen. Ziel und Mehrwert eines solchen wäre die
Erleichterung des bilateralen Wegs durch eine verbesserte Gesamtkoordination bei der Verwaltung und Weiterentwicklung des Vertragswerks. Gleichzeitig könnte eine Plattform für einen ver- stärkten politischen Dialog geschaffen werden. Denn mir scheint klar, dass die Schweiz und die EU ein Verhältnis haben, das einen regelmässigen Blick über den Tellerrand der bilateralen Abkommen erfordert: Unsere Beziehungen dürfen sich nicht in einer Bürokratie der Vertragsverwaltung erschöpfen. Wir müssen dem Bilateralismus etwas mehr Seele geben, könnte man in Anlehnung an den früheren Kommissionspräsidenten Jacques Delors sagen.
Ich denke an einen politischen Dialog über gemeinsame Herausforderungen. wie Klimawandel, Beschäftigung, Migration und Sicherheit. Das sind die gesellschaftlichen Fragen, welche die Bürgerinnen und Bürger heute betreffen und beschäftigen. Ein regelmässiger Austausch der «best practices», eine Partnerschaft der Resultate wären hier sicher wünschenswert. Denn die Schweiz wie die EU werden zunehmend daran gemessen, wieweit sie für diese Anliegen Lösungen finden können. Ich denke an einen vermehrten Austausch der Positionen in Bezug auf Uno- und WTO-Politiken oder an eine Koordination der Lösungssuche in den Konflikten im Nahen Osten und in Kosovo. Und ich denke an die gemeinsamen Herausforderungen im Rahmen der europäischen Integration.
Historische Leistungen der EU
50 Jahre nach den Römer Verträgen können die historischen Leistungen der EU nicht genug betont werden: die Friedenssicherung nach den Weltkriegen, die Wiedervereinigung Europas nach dem Kalten Krieg, der Binnenmarkt als heute stärkster Wirtschaftsraum der Welt. Auch die Schweiz hat von dieser Entwicklung enorm profitiert. Gleichzeitig aber ist das europäische Integrationsprojekt sowohl an der Erweiterungs- als auch an der Vertiefungsfront heute ins Stocken geraten. Dies auch darum, weil beim hohen Rhythmus dieses ambitiösen Programms Bürgernähe und Rückhalt in der Bevölkerung gelitten haben. Die Schweiz hat unterdessen auf ihrem bilateralen Weg eine vergleichsweise bescheidene politische Wegstrecke zurückgelegt - allerdings dabei als einziges Land in Europa die Ankunft der neuen osteuropäischen Staaten mit zweifachem Volksentscheid basisdemokratisch begrüsst: einmal durch das Ja zur Öffnung der Arbeitsmärkte, ein zweites Mal durch das Ja zum Kohäsionsbeitrag.
Ich will damit natürlich nicht sagen, dass die föderalistische und multikulturelle Schweiz als oft zitiertes «Miniatureuropa» Lektionen erteilen könnte. Ich glaube im Übrigen auch nicht, dass die Schweiz Lektionen braucht. Ich denke vielmehr an einen symmetrischen Dialog der europäischen Systeme. Denn ich bin überzeugt, dass sich die beiden politischen Modelle - die direkt-demokratische Konkordanzdemokratie Schweiz auf bilateralem Kurs einerseits und das Integrationsprojekt Europäische Union anderseits - in einem gemeinsamen.Europa viel zu sagen haben. NZZ, 24./25. März 2007, SB 5