Das Ringen um Investoren hat sich durch die EU-Osterweiterung weiter verschärft. Vor allem amerikanische Unternehmen beklagen sich seit langem über die Tatsache, dass die Körperschaftssteuer in vielen der alten EU-Mitgliedsstaaten viel zu hoch sei. Die neuen EU-Länder können demgegenüber in der Regel mit einem viel tieferen Steuersatz um Investoren werben. Nach den Turbulenzen in der EU vom Juni 05 dürften die vor allem von den beiden grossen EU-Ländern Deutschland und Frankreich geforderten EU-weiten Mindestsätze noch weiter in die Ferne gerückt sein. Unter Diplomaten wird dem Wunschdenken nach einer entsprechenden Steuerharmonisierung derzeit nämlich kaum ein Chance eingeräumt. Die Neuen im EU-Klub geben ihre Trümpfe verständlicherweise nicht so schnell aus der Hand. Langsam, aber sicher scheint sich deshalb unter den alten EU-Ländern die Ernüchterung durchzusetzen, dass einem nichts anderes übrig bleibt, als mit den neuen Herausforderungen zu leben.
In allen drei Benelux-Ländern stehen derzeit Anpassungen bei der Körperschaftssteuer an. Einmal mehr kommt Luxemburg innerhalb des Benelux- Verbands eine eigentliche Vorreiterrolle zu. Das wohlhabende Grossherzogtum hat die Körperschaftssteuer bereits 2002 signifikant gesenkt: Der Satz wurde von 37% auf 30% reduziert. Im Luxemburger Finanzministerium wird einem versichert, dass sich diese Senkung überaus positiv auf den Standort ausgewirkt hat. Verschiedene ausländische Firmen hätten sich bedingt durch diese Korrektur in den letzten Jahren in Luxemburg niedergelassen.
Doch selbstverständlich kann es sich auch Luxemburg nicht leisten, keine weiteren Schritte zu unternehmen. So hat sich die Hauptstadt des Grossherzogtums dieser Tage entschlossen, die kommunale Gewerbe- und die sogenannte Solidaritätssteuer zu senken. Nicht weniger als 8% der insgesamt 30%, die auf Unternehmensgewinnen erhoben werden, sind nämlich diesen bei den Steuern zuzuschreiben. Wichtig sei, heisst es im Finanzministerium, dass die Körperschaftssteuer, die streng genommen nur 22% betrage, insgesamt weniger als 30% betrage. Die Verantwortlichen von Luxembourg-Ville gehen davon aus, dass die anderen Gemeinden des Landes über kurz oder lang mitziehen werden.
Ein noch grösserer Handlungsbedarf wird in den beiden grossen Benelux-Ländern festgestellt. Im Fall von Belgien hat eine jüngst von der Universität Leuven (Löwen) publizierte Studie aufgezeigt, dass neben den hohen Lohnnebenkosten primär die derzeit erhobene Körperschaftssteuer viele Investoren abschrecke. In Belgien wurde der entsprechende Steuersatz zu Jahresbeginn von 40,17% auf 33,99% reduziert. Sollte sich Belgien dazu durchringen, den im Mittel in der EU der 25 erhobenen Satz von 26,9% einzuführen, würde dies zu zusätzlichen Betriebsinvestitionen von jährlich 2,7 Mrd. Euro führen.
Alleine die belgischen Unternehmen würden dann 8% bzw. 1,4 Mrd. Euro der getätigten Auslandinvestitionen im eigenen Land tätigen, meinen die Autoren der Studie. Ins gleiche Horn bläst die amerikanische Handelskammer in Belgien. US- Unternehmen wie Procter & Gamble und Baxter hätten wegen des hohen Steuerdrucks in Belgien ihre europäischen Hauptsitze in die Schweiz verlegt. Der sozialliberalen Regierung von Premierminister Guy Verhofstadt sind diese Entwicklungen selbstverständlich nicht entgangen, und sie zeigt sich deshalb einmal mehr äusserst kreativ, um der Abwanderung ausländischer Unternehmen entgegenzutreten. Die Regierung legt bereits seit ein paar Jahren eine strenge Budgetdisziplin an den Tag,
Ungeachtet dessen hat es sich die Regierung zum Ziel gesetzt, dass Unternehmen ab Beginn 2006 nur noch zwischen 25% und 27% an Körperschaftssteuer bezahlen müssen. Davon profitieren werden in erster Linie Unternehmen, die über ein hohes Eigenkapital verfügen. Derzeit gilt noch die Regel, dass Zinsaufwendungen für Kredite vom Gewinn, der besteuert wird, abgezogen werden können. Für Aufwendungen, die dem Eigenkapital zuzuschreiben sind, besteht diese Möglichkeit gegenwärtig nicht. Die Regierung Verhofstadt will diese Diskriminierung - wie sie in Brüssel genannt wird - abschaffen. Unternehmen sollen deshalb ab 2006 die Möglichkeit bekommen, einen fiktiven Zins von der Körperschaftssteuer abzuziehen, der etwa den Erträgen einer zehnjährigen Staatsobligation entspricht.
Dass die Kritik seitens der amerikanischen Handelskammer in den Benelux-Ländern ernst genommen wird, zeigt im Weiteren das Beispiel der Niederlande. Bis vor kurzem wurde regelmässig darauf hingewiesen, dass das Land gegenüber der Schweiz, Spanien, Österreich und Irland im Standortwettbewerb deutlich eingebüsst habe. Die Rechts-Regierung hat inzwischen gehandelt; Anfang 2004 wurde die Körperschaftssteuer von 34,5% auf 31,5% gesenkt. Ziel ist es auch hier, dass ausländische Unternehmen nicht in andere Länder abwandern.
Der zweite Mann im Haager Finanzministerium, Staatssekretär Joop Wijn, sieht deshalb weiterhin Handlungsbedarf. Bereits seit Wochen liegen Pläne auf dem Tisch, um die Besteuerung der Unternehmensgewinne weiter nach unten anzupassen. Ab 2007 soll lediglich ein Tarif von 27% gelten. Diese Massnahme scheint sich aufzudrängen, da sich das Gespenst einer Rezession am Horizont immer stärker abzeichnet. Gemäss Berechnungen der Erasmus-Universität ist die niederländische Wirtschaft im zweiten Quartal um 1,5% geschrumpft. Da das BIP-Wachstum bereits im 1. Quartal rückläufig ausfiel, befindet sich das Land nun offiziell in einer Rezession. NZZ, 16./17. Juli 05, S. 23