Der EU-kompatible Schweinetrog
Vor knapp 10 Jahren gingen Bilder von Bergen brennender Kadaver um die Welt. In Europa war die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen. Hunderttausende von Schafen, Rindern, Schweinen und Ziegen mussten vernichtet werden, von insgesamt über 4 Millionen Tieren war die Rede. Entsprechend gross war der wirtschaftliche Schaden. Die Schweiz blieb zwar von der Seuche selbst verschont, nicht aber von der politischen Nachbearbeitung. Die EU erliess nach dieser Seuchenkatastrophe nämlich ein Verbot für das Verfüttern der sogenannten Schweinesuppe, also jenen Gemisches von Speiseabfällen aus Gastronomie und Handel, welches - ökonomisch und ökologisch durchaus sinnvoll- traditionellerweise im Schweinetrog landete. Für einige Mitgliedstaaten - darunter Deutschland - galt bis 2006 noch eine Übergangsfrist. Seither landen in der EU Speiseabfälle nicht mehr im Tierfutter, sondern in Biogas-Anlagen.
Was die EU verbietet, ist auch für die Schweiz von Relevanz. Das gilt auch insbesondere für den Veterinärbereich. Denn die Schweiz hat im Rahmen der bilateralen Abkommen mit der EU die grenztierärztlichen Kontrollen abgeschafft. Ziel ist es, den Handel mit Fleisch und den Tierverkehr zu erleichtern: Damit verpflichtete sich die Schweiz aber auch, Tierseuchen in gleicher Weise vorzubeugen und sie zu bekämpfen wie die EU. Das heisst folglich, dass auch in der Schweiz die Schweinesuppe nicht mehr verfüttert werden darf. Die Schweiz konnte mit der EU eine Übergangsfrist bis zum 1. Juli 2011 aushandeln. Danach muss das Verbot aber nachvollzogen werden, wenn die Schweiz keine Nachteile im Warenaustausch mit der EU kassieren will.
Das geplante Verbot passt nicht allen Politikern. Marcel Scherer, Zuger SVP- Nationalrat und Schweinehalter, wehrte sich schon im Jahr 2006 mit einer Motion gegen das Verbot. Der Vorstoss birgt ein gewisses öffentlichkeitswirksames Potenzial, und der Motionär dürfte damit viele Sympathien gewinnen können. Denn grundsätzlich ist die Verfütterung von Speiseabfällen an Schweine sinnvoll. Bekommen die Schweine das für sie notwendige Eiweiss über Speisereste, muss weniger Soja verfüttert werden, das die Schweiz im grossen Stil in Brasilien auf ehemaligem Urwaldboden anbauen lässt.
Doch der Preis für einen Alleingang im Falle der Schweinesuppe wäre laut Marcel Falk, Sprecher beim Bundesamt für Veterinärwesen, hoch. Wie Falk sagt, drohen bei einem solchen Alleingang drastische Einschränkungen beim EU- Marktzugang. Daran kann die Schweizer Landwirtschaft kein Interesse haben. Insbesondere die Schweineproduzenten setzen auf den Export in die EU und gehören deshalb auch zu jenen wenigen landwirtschaftlichen Organisationen, die einem Agrarfreihandelsabkommen mit der EU wohlwollend gegenüberstehen. So ist der Verband der Schweineproduzenten, Suisseporcs, Mitglied in der Interessengemeinschaft Agrarstandort Schweiz, welche sich für das Freihandelsabkommen mit der EU einsetzt. Kommt dazu, dass die Speiseabfälle heute nur noch einen geringen Anteil bei der Fütterung ausmachen. Lediglich 5 Prozent der Schweinehalter würden sie heute noch einsetzen, sagt Falk, und auch hier machten die Speiseabfälle nur einen Teil der Fütterung aus.
Diese Überlegungen brachten den Bundesrat dazu, dem Parlament zu beantragen, die Motion Scherer abzuschreiben. Diesem Antrag ist der Nationalrat nun aber in der vergangenen Session nicht gefolgt und hat beschlossen, die Motion weiter zu verfolgen.
Vielleicht habe die Verwaltung das Parlament zu wenig gut über die Konsequenzen eines Alleingangs informiert, meint Falk selbstkritisch. Dass die EU in dieser Sache der Schweiz entgegenkommen könnte, hält er für unwahrscheinlich. Die EU habe der Schweiz schon in früheren Verhandlungen signalisiert, dass aus ihrer Sicht selbst eine technologisch hochstehende Herstellung der Schweinesuppe nicht die gleiche Sicherheit böte wie ein Verbot. In der EU selbst gibt es laut Falk keine Bestrebungen, die Schweinesuppe wieder zuzulassen. Ein Grund besteht darin, dass die ehemaligen Herstellungsbetriebe längst auf die Biogas-Produktion umgestellt haben. Und die Futtermittelproblematik rund um die brasilianische Soja scheint die politischen Gemüter derzeit (noch) nicht wesentlich zu bewegen. NZZ, 6. Juli 2010, S. 10
