Nicht-Mitgliedschaft zahlt sich aus
Die von Island im Juni 2011 emittierte Anleihe zeigt, dass dem Land die Rückkehr an den Kapitalmarkt gelungen ist. Dieser Erfolg ist interessant, weil Island vieles gemacht hat, wovon den heutigen Krisenstaaten dringend abgeraten wird. Im Sekundärmarkt verzeichnete das Papier dem eher negativen Marktumfeld zum Trotz sogar leichte Kursgewinne. Das beeindruckt insofern, als die Anleihe angesichts des Zusammenbruchs der heimischen Banken im Jahr 2008 erstaunlich billig an den Markt kam.
Damit kam das Land speziell im Vergleich mit Irland schneller als erwartet aus der Krise heraus. Während sich Irland mit den Garantien für die Bankschulden einen enormen finanziellen Mühlstein umgehängt hat, begrenzte die isländische Regierung – weil die sozialdemokratische Regierung durch Volksabstimmungen dazu gezwungen wurde - die potenzielle Explosion der Staatsschuld dadurch, dass sie sowohl die Aktionäre wie auch die andernorts geschonten Obligationäre umstandlos in die Pflicht nahm. Einige Kreditanalytiker sagen heute, dass Island im Prinzip keine Alternative zum Banken-Default hatte, weil die Übernahme der Bankschulden die finanzielle Belastbarkeit des Staates überschritten hätte. Allerdings konnte sich Irland, wie sich mittlerweile gezeigt hat, die umfangreichen Garantien für die Banken ebenso wenig leisten — hat sie aber dennoch gegeben.
Island hingegen hat einen guten Teil der Verluste dort delegiert, wo sie hingehören. Da Island auch die ausländischen institutionelle Anleger, die offensichtlich die Risiken falsch einschätzten, bluten liess, war der Schaden im Inland geringer. Allerdings hatten die isländischen Banken keine besonders grossen Anleihevolumen ausstehen. Statt über die Ausgabe von Anleihen finanzierten sie ihre internationale Expansion zu einem guten Teil über Spareinlagen, die auch im Ausland vor dem Ausbruch der Finanzkrise mit attraktiven Zinsen erfolgreich eingeworben worden waren. In der Krise garantierte die isländische Regierung dann nur noch die inländischen Einlagen und «foutierte» sich um die Ausländer.
Belastet wurden dadurch vor allem institutionelle Anleger der Online-Bank Icesäve in Grossbritannien und den Niederlanden. Zu beiden Ländern sind die politischen Beziehungen noch heute belastet. Der Icesave-Streit soll nach dem zweiten negativen Referendumsentscheid nun auf rechtlichem Weg entschieden werden. Die «Kaltschnäuzigkeit» der Isländer entwickelt sich im Nachhinein zu einem nicht zu unterschätzenden Vorteil. Möglich bzw. unumgänglich war der isländische Sonderweg wohl auch, weil man auf das Nicht-EU-Mitglied weniger gut Druck zur Zurückzahlung von Anleihen und Einlagen ausüben konnte als auf die EU-Krisenstaaten.
Inzwischen hat das Land nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IMF) grosse Fortschritte gemacht, wobei im letzten Island-Bericht besonders Verbesserungen im öffentlichen Haushalt, die Stabilisierung der isländischen Krone und die Rückkehr zu tiefen Inflationsraten gelobt wurden. Beobachter gehen heute davon aus, dass Island trotz immer noch grossen Schwierigkeiten wie der hohen Verschuldung des Privatsektors nicht zuletzt dank der gut ausgebildeten Bevölkerung mittelfristig wieder auf einen soliden, Wachstumspfad kommt. Der Wille von Regierung und Bevölkerung zu einer soliden Haushaltspblitik unterscheidet das Land grundsätzlich von Griechenland, wo die Probleme auch beim ineffizienten und korrupten Staat und vor allem bei einer kaum wettbewerbsfähigen Wirtschaft liegen.
Den Iren, bei denen das Hauptproblem wie bei Island bei den Banken lag, hätte — wie das Beispiel Island nahelegt — mehr Chuzpe helfen können. Stattdessen leiden die Iren heute darunter, dass sich die damalige Regierung als besonders mustergültiger Schuldner erweisen wollte. Der Kapitalmarkt jedenfalls hat die isländische Dollaranleihe zu Konditionen akzeptiert, von denen Irland derzeit nur träumen kann. NZZ, 7. Juli 2011, S. 29
