Schlechte Karten für Randregionen
Mit ihrem Regionalförderprogrammen unterstützt die EU die gleichgewichtige regionale Entwicklung in ihren Mitgliedstaaten. Diese Hilfen haben eine lange Tradition. Bereits der Vertrag von Rom bezeichnet die "harmonische und ausgewogene Entwicklung des Wirtschaftslebens innerhalb der Gemeinschaft" als ein Ziel der EU. Im Zuge der Ausweitung auf immer mehr Mitglieder wurden die EU-Mittel zur Regionalförderung sukzessive erhöht. Für den Zeitraum 2000 bis 2006 beispielsweise sind Finanzmittel in Höhe von knapp 230 Milliarden Euro für die Regional- und Kohäsionsfonds eingeplant. Das ist rund ein Drittel des EU-Haushalts. Mit diesen Mitteln soll die wirtschaftliche und soziale Ungleichheit zwischen den Regionen verringert werden, zum Teil sind diese aber auch zur Förderung der mittel- und osteuropäischen Beitrittskandidaten eingeplant. Zurzeit gelten mehr als 50 Prozent der Regionen in den EU-Mitgliedstaaten als förderungswürdig und erhalten Finanzspritzen aus den unterschiedlichen Regional- beziehungsweise Strukturprogrammen.
Die zunehmende europäische Integration hat durch den Abbau von Binnengrenzen und die zunehmende Kapitalmarktintegration in den vergangenen Jahren - insbesondere durch die Einführung des Euro - ein Umfeld geschaffen, das es ermöglicht, Arbeitskräfte und Kapital völlig neu zu verteilen. Die optimale Allokation von Kapital erfolgt nicht mehr innerhalb der nationalen Grenzen, sondern hat die gesamte EU als Aktionsfeld. Dies weckt Ängste, dass einseitige sektorale Strukturen in den Regionen entstehen oder bereits bestehende verstärkt werden könnten. Dass solche Befürchtungen nicht grundlos sind, zeigt das Beispiel der USA, wo sich in einem hoch integrierten Wirtschaftsraum deutlich erkennbare industrielle Cluster wie etwa das Silicon Valley entwickelt haben.
Welche Konsequenzen hat die starke Ausrichtung einer Region auf einen oder nur einige wenige Wirtschaftssektoren und wie stark sind solche Spezialisierungen in den europäischen Regionen bisher ausgeprägt? Mit dieser Frage befasst sich eine Untersuchung, die das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) , Mannheim, im Auftrag der Volkswagen-Stiftung durchgeführt hat. Betrachtet wurde, wie (un)gleichmäßig Investitionen in einzelnen Regionen auf die Wirtschaftssektoren verteilt sind und welche regionalen Faktoren Einfluss auf eine solch (un)gleichmäßige Verteilung haben. Betrachtet wurden in der Studie die Bruttoanlageinvestitionen in den Regionen Frankreichs, Italiens, Großbritanniens und Belgiens sowie in den drei kleineren Ländern Luxemburg, Irland und Dänemark. Für den Zeitraum von 1985 bis 1994 wurden verschiedene Indikatoren zur Messung des Niveaus der regionalen Spezialisierung berechnet. Analysiert wurde jeweils der Grad der relativen Spezialisierung einer Region, also wie ähnlich die Verteilung der Investitionen auf die einzelnen Sektoren im Vergleich zu ihrer Verteilung in der Referenzökonomie ist. Zum einen stellte das jeweilige land (nationale Perspektive der Spezialisierung) und zum anderen die EU insgesamt (EU-Perspektive) die Referenzöko- nomie dar.
Beim Vergleich des Spezialisierungsniveaus der einzelnen Regionen relativ zur nationalen Ebene sowie zur EU-Ebene zeigt sich, dass die regionale Investitionsstruktur der jeweiligen nationalen Struktur generell ähnlicher ist als der durchschnittlichen europäischen Struktur. Für die französischen und italienischen Regionen ist der Unterschied zwischen beiden Perspektiven besonders stark. In Belgien ist er dagegen nur gering. Die im Vergleich zur nationalen Wirtschaftsstruktur am stärksten spezialisierten Regionen sind - von wenigen Ausnahmen abgesehen - aber auch die relativ zur EU-Investitionsstruktur am stärksten spezialisierten. In Frankreich weisen die Regionen im Landesinneren (außer der Champagne und der Île de France) die geringste Investitionsspezialisierung auf. In Italien sind die Regionen im Süden am stärksten spezialisiert. In Belgien sind es die süd- und südwestlichen Gebiete, in Großbritannien ist Nordirland die höchstspezialisierte Region. Die Investitionsstruktur in den Randgebieten weicht im Allgemeinen also stark von der durchschnittlichen Verteilung ab.
Ansonsten zeigt sich, dass größere regionale Gebietseinheiten (NUTS 1) im Durchschnitt ein geringeres relatives Spezialisierungsniveau aufweisen als kleinere regionale Gebietseinheiten (NUTS 2). Die relative Verteilung von Kapital auf die Wirtschaftssektoren in einer Region ist somit gleichmäßiger, wenn es sich um ein geografisch größeres Gebiet handelt. Die Analyse von möglichst tief untergliederten geographischen Einheiten ist daher besonders wichtig, wenn die aus einer starken Spezialisierung resultierenden Probleme herausgearbeitet werden sollen.
Bei einem Vergleich der europäischen Regionen mit einer besonders starken beziehungsweise nur geringen Ungleichverteilung der Bruttoanlageinvestitionen zeigen sich interessante Ergebnisse. Regionen mit einer hohen relativen Investitionsspezialisierung, die sich, geografisch gesehen, in einer nationalen Randlage befinden, sind in der Regel geprägt durch eine höhere Arbeitslosenrate, einen geringeren Anteil an der nationalen Beschäftigung, einer geringeren Anzahl von Patenten sowie einem niedrigeren Niveau von Bruttoanlageinvestitionen. Offenbar zeichnen sich Regionen mit einer gleichmäßigen Verteilung von Kapital durch eine bessere ökonomische Performance als Regionen mit höherer Investitionsspezialisierung aus. Eine Ausnahme von dieser Regel bilden hoch spezialisierte Regionen, die im Zentrum eines Landes liegen wie etwa die Region Brüssel oder die Île de France. Solche administrativen Zentren der betrachteten Länder sind geprägt durch eine besonders gute ökonomische Leistungsfähigkeit und weisen eine geringere Arbeitslosenrate oder eine höhere Anzahl von Patenten auf.
Von diesen hoch spezialisierten Zentralregionen abgesehen haben ökonometrische Untersuchungen allerdings gezeigt, dass mit zunehmender Entfernung einer Region vom Zentrum des jeweiligen Landes die Abweichung der regionalen Investitionsstruktur von der durchschnittlichen Struktur immer größer wird und in den Randgebieten meist am stärksten ist. Über den von der Studie beobachteten Zeitraum hinweg lässt sich zwar keine Zunahme des Spezialisierungsgrads in den untersuchten Regionen feststellen, wohl aber ist ein signifikanter Einfluss der verstärkten Liberalisierung des Kapitalverkehrs und der gewachsenen ökonomischen Offenheit erkennbar. Mit der zunehmenden Integration der Märkte der EU-Länder könnte daher die Diversifikation der wirtschaftlichen Aktivität der Regionen weiter abnehmen. Die Regionen in der EU würden dann stärker von Spezialisierungseffekten wie etwa steigenden Skalenerträgen oder einem einfacheren Wissenstransfer profitieren. Eine einseitigere Produktionsstruktur würde sie aber auch anfälliger für sogenannte asymmetrische Schocks machen, also für Krisen, die nur einen oder einige wenige Wirtschaftssektoren betreffen. Die Unterschiede zwischen stark spezialisierten und weniger stark spezialisierten Regionen könnten sich so vergrößern. Dies gilt auch in Bezug auf die besonders stark spezialisierten Regionen in Zentral- und Randlage. Die erheblich schlechtere ökonomische Performance der stärker spezialisierten Randregionen weist daraufhin, dass die Investitionen gerade in den Wachstumsbranchen dort geringer ausgeprägt sind als im Zentrum. Dieses "Regionalgefälle" könnte sich mit steigender EU-Integration ebenfalls noch verstärken. Eine solche Entwicklung stünde konträr zu dem erklärten Ziel der EU- Politik, die Konvergenz von wirtschaftlichem Wachstum und Durchschnitts-Pro- Kopf-Einkommen in allen Regionen zu fördern. Dementsprechend würde sich also entweder ein erhöhter Handlungsbedarf für die EU-Regionalpolitik oder die Notwendigkeit einer stärkeren Flexibilisierung von Faktor- oder Gütermärkten ergeben. EUmagazin, 1-2/2003, S. 35