Staatliche und gemeinnützige Träger betreiben in Portugal über 800 Kantinen für die wachsende Zahl bedürftiger Personen im Land.
Trotz drastischer Austerität hat bisher in Portugal der soziale Friede halbwegs gehalten, nicht zuletzt dank solidarischer Hilfe. Im Land wächst ein Know-how im Kampf gegen Not und Unterernährung.
Als arm oder bedürftig erscheinen manche der Frauen und Männer, die gegen 19 Uhr ins «soziale Restaurant» von Setúbal strömen, auf den ersten Blick kaum. Eine chic-leger gekleidete Dreissigerin erzählt, dass sie als Lehrerin keine feste Stelle gehabt habe und nun gar keine Arbeit mehr finde. Auch zwei rüstige Männer in ihren Fünfzigern wirken hier fremd. Ins Klischee passen eher eine dunkelhäutige Einwanderin und eine arbeitslose frühere Arbeiterin der städtischen Strassenreinigung. Sie will indes nicht an einem der gedeckten Tische speisen, sondern zu Hause mit ihrem Mann, einem ebenfalls arbeitslosen Anstreicher, und den beiden gemeinsamen Töchtern. Am Tresen, wo andere mit Tablett anstehen, lässt sie sich das Essen – heute gibt es Thon mit Bohnen und Kartoffeln – in mitgebrachte Plasticbehälter abfüllen.
Das «soziale Restaurant» in der Hafenstadt rund 50 Kilometer südlich von Lissabon befindet sich in einem Raum des Gemeindezentrums, das zur modernen Kirche Nossa Senhora da Conceição gehört. In Rufweite liegt das für sozial schwache Familien erbaute «Problemquartier» Bairro da Bela Vista, das Viertel der schönen Aussicht – ein Name, der schon vor der jüngsten Krise kaum auf die Perspektiven seiner Bewohner passte. Seit drei Jahren gibt es dieses «Restaurant», das mit Unterstützung des katholischen Hilfswerks Caritas entstand.
Der leitende 65 Jahre alte Pfarrer Constantino Alves findet das Wort «Kantine» abfällig, er meidet es daher. 35 freiwillige Helferinnen und Helfer servieren an sieben Tagen pro Woche je 135 Abendessen – «mit Qualität, Zuneigung und Sympathie», zu symbolischen Preisen von 10, 20 oder 50 Cent – und für die meisten Gäste gratis. Die Nachfrage steige, sagt der Pfarrer mit dem Hinweis auf die in den letzten Jahren gestiegene Arbeitslosigkeit und eine höhere Zahl der prekären Arbeitsverhältnisse. Ins Restaurant kämen auch frühere Kleinunternehmer, die bankrottgingen, ebenso wie Senioren mit niedrigen Renten. In den letzten drei Jahren hat das Restaurant 90 000 Abendessen ausgegeben.
Im Mai 2011 hat sich Portugal gegenüber der «Troika» der Gläubiger zu harten Massnahmen der Haushaltsanierung verpflichtet, um einen Notkredit von 78 Milliarden Euro zu bekommen. Schon die im Juni 2011 abgewählten Sozialisten, die das Hilfsprogramm aushandelten, hatten mit Austerität nicht gegeizt. Und die nun amtierende bürgerliche Regierung von Ministerpräsident Passos Coelho verschärfte sie noch, oft weiter, als mit der Troika vereinbart. Als die Regierung am 17. Mai nach drei Jahren den Abschluss des Programms verkündete, verwies sie auf die starke Senkung des überhöhten Staatsdefizits als einen Erfolg. Gesunken sind indes ebenso die Saläre im Staatsdienst wie auch die mittleren und höheren Renten. Auch im Privatsektor sank das Lohnniveau. Zugleich wurden Steuern drastisch erhöht. Im Namen der Wettbewerbsfähigkeit wurde das Arbeitsrecht flexibler gestaltet, Abfindungen bei Entlassungen wurden stark gesenkt.
Kurz vor Ablauf des Hilfsprogramms beschloss die Regierung einen «clean exit», das Land will sich also ohne vorsorgliche Kreditlinie des Europäischen Stabilitätsmechanismus an den Märkten behaupten. Stolz verweist die Regierung darauf, dass die Wirtschaft nach der Rezession der Jahre 2011 bis 2013 wieder wächst und die Arbeitslosenquote wieder gesunken ist. «Sauber» findet Padre Constantino die soziale Lage im Land aber nicht.
Die Neuwagenverkäufe mögen wieder steigen und die Portugiesen wieder mehr reisen. Trotz solchen Indizien für eine wirtschaftliche Erholung sieht der Pfarrer im Alltag aber wenige positive Effekte. Er spricht von Leuten ohne Hoffnung und ohne Geld für die Miete, die Stromrechnung oder ihnen verschriebene Medikamente. Vielen Leuten seien die Sozialleistungen gekürzt worden. Für die Erhaltung des sozialen Friedens sei in dieser Lage das Netz der nachbarschaftlichen Hilfe unerlässlich gewesen.
In den letzten Jahren liefen Massenproteste gegen die Austeritätspolitik friedlich ab, obwohl die dem Land und seinen Leuten auferlegten Opfer letztlich viel schwerer waren als anfangs veranschlagt. Als die «Troika» ins Land kam, rechnete man mit einem Ansteigen der Arbeitslosenquote von damals gut 11 auf rund 13 Prozent. 2013 stieg sie zeitweise auf über 17 Prozent, mittlerweile sank sie auf rund 15 Prozent. Noch bis 2018 dürfte sie laut einer Schätzung der Regierung über 13 Prozent liegen. Ohne Emigration und Resignation läge sie wohl viel höher. Genaue Zahlen zur Auswanderung liegen nicht vor. In jüngerer Zeit dürften jährlich über 100 000 Portugiesinnen und Portugiesen das Land mit rund 10,5 Millionen Einwohnern verlassen haben. Und als arbeitslos gilt nur, wer nach Arbeit sucht, und nicht, wer die Suche aufgegeben hat.
Viele Leute der Mittelschicht, die ihre Stellen verloren haben und ihre Schulden nicht mehr bezahlen können, befinden sich sozial auf dem Abstieg. In dem Land mit einem gesetzlichen Mindestlohn von 485 Euro und einem mittleren Lohn von unter 1000 Euro pro Monat hat das Armutsrisiko in den letzten Jahren offenbar zugenommen. Die Zahl derjenigen, die monatlich weniger als 409 Euro zur Verfügung hatten, stieg von 17,9 Prozent im Jahr 2011 auf 18,7 Prozent im Jahr 2012; neuere offizielle Angaben liegen noch nicht vor. Vom Armutsrisiko betroffen sind gut 40 Prozent der Arbeitslosen und 22 Prozent der Familien mit Kindern. In diesen Sommerferien werden in vielen Gemeinden erneut manche Schulen geöffnet bleiben, damit Kinder aus armen Familien in den Schulkantinen zu Mittag essen können. Für bedürftige Personen aller Altersgruppen betreiben staatliche und gemeinnützige Organisationen landesweit mehr als 800 «soziale Kantinen». Imposant ist in dieser angespannten sozialen Situation gerade auch der Mix aus Organisations- und Improvisationstalent sowie informeller Hilfe.
Allein der Banco Alimentar contra a Fome (BAF), die Nahrungsbank gegen Hunger, liefere bereits Nahrungsmittel an 420 000 Personen, rund vier Prozent der Bevölkerung, sagt Isabel Jonet, die dieses Netzwerk mit heute 21 regionalen Zweigstellen 1992 gründete und bis heute leitet. In zwei Jahren ist die Zahl der Empfänger um rund 100 000 gestiegen. In Lissabon befindet sich die grösste Niederlassung, und dort herrscht täglich Hochbetrieb. Paletten voller Büchsen und Gläser mit Thon, Würstchen, Bohnen und Kompott, Flaschen mit Speiseöl sowie Packungen mit Nudeln und Reis, Mehl, Zucker und Keksen und auch Kisten mit Obst und Gemüse füllen eine riesige frühere Lagerhalle für Bahnfracht ganz in der Nähe des Hafens.
Während Gabelstapler hin und her flitzen, verschwinden Kartons in Last- und Lieferwagen, die an einer Laderampe andocken. Sie bringen die Ware zu Hilfsorganisationen, die sie an Bedürftige ausgeben. Landesweit gelangen die Nahrungsmittel über rund 2300 staatliche oder gemeinnützige Organisationen zu den Endkonsumenten. Bei den «Einlagen» dieser «Bank» handelt es sich zu einem grossen Teil um Sachspenden von Handelsketten, die Ware mit bald ablaufender Haltbarkeitsfrist aus ihren Regalen nehmen, oder auch um unverkaufte frische Lebensmittel vom Grossmarkt und nicht zuletzt Zuwendungen von Privatleuten bei zwei grossen Sammelaktionen in jedem Jahr. An der letzten solchen Aktion beteiligten sich rund 40 000 Helferinnen und Helfer. In rund 2000 Supermärkten gaben sie Plasticbeutel an ankommende Kunden aus und schlugen ihnen vor, neben dem eigenen Bedarf doch auch haltbare Ware für bedürftige Familien einzukaufen. Hinter der Kasse nahmen die Aktivisten diese Beutel, mehr oder weniger gefüllt, wieder entgegen.
Andere Hilfswerke haben der Verschwendung von Essen aus Restaurants und Kantinen den Kampf angesagt. Ein Airline-Pilot gehörte 2011 zu den Gründern der Initiative «Zero Desperdício» (Null Verschwendung). Sie schätzt, dass täglich rund 50 000 nicht servierte Mahlzeiten in den Abfall wandern und dass sie selbst im Raum Lissabon in den letzten zwei Jahren 900 000 Mahlzeiten «gerettet» hat. Unter Einhaltung der Hygienestandards sammelt sie das Essen bei den Gebern, zu denen auch die Kantine des Parlaments gehört, um sie an Bedürftige auszugeben. Nach einem ähnlichen Prinzip funktioniert in Lissabon die Initiative «Refood», die ein Amerikaner ins Leben rief. Auf diesem Wege kann auch Essen aus den Cuisines feiner Hotels und Restaurants auf den Tischen von Opfern der Krise landen. NZZ, 28. Juni 2014, S. 6