Damit die Schweizer Wirtschaft im Wachstums-Wettlauf mithalten kann, müssen wir unzufrieden werden und die Demokratie abbauen. Das ist die Logik von Avenir Suisse und Co.
von Hanspeter Guggenbühl
Werden über die Wirtschaft Witze gerissen, so betreffen sie meist das Bruttoinlandprodukt, abgekürzt BIP: Heiratet ein Mann seine Haushälterin und macht sie zur Hausfrau - was bewirkt er damit? Er schmälert das BIP. Stossen zwei Jumbo-Jets über New York zusammen - was resultiert daraus? Das BIP wächst. Die Witze sind wahr. Die Realsatire besteht darin, dass beinahe alle Ökonomen, Unternehmer und Politiker dieses Witz-Produkt und seine Entwicklung zum Massstab nehmen, um das Wohl der Menschheit zu bewerten. Steigt das BIP, dann jubeln sie, sinkt es, so jammern sie und beklagen - weil Wachstum auch sprachlich ihr Mass aller Dinge ist - das «Negativ-Wachstum».
Der Jammer des Wohlgefühls
In der Schweiz herrscht seit Jahren Katzenjammer. Nicht etwa, weil die irrwitzige Brutto-Produktion nicht wächst (im Jahr 2003 war das reale BIP immerhin um 13 Prozent höher als 1990), sondern weil das BIP hierzulande langsamer wächst als in andern Ländern. Zu jenen, die den Wachstums-Wettlauf des BIP und die hintere Platzierung der Schweiz besonders intensiv verfolgen, gehört die Wirtschaftsstiftung «Avenir Suisse». Diese hat kürzlich zwei Bücher herausgegeben: «Ökonomik der Reform», mitverfasst vom altlinken Thomas Held, und «Wohlstand ohne Wachstum - eine Schweizer Illusion», mitverfasst vom neuliberalen Silvio Borner. Beide Bücher beklagen im Wesentlichen das Gleiche, das die Zusammenfassung zum Borner-Buch wie folgt formuliert: «In der Schweiz leben die Menschen nach wie vor auf einem sehr hohen Wohlstandsniveau. Gleichzeitig verzeichnete das Land in den vergangenen dreissig Jahren unter den OECD-Staaten das geringste Wirtschaftswachstum. Dank dem erreichten Wohlstand blieb die schweizerische Bevölkerung bisher von schmerzhaften Einschränkungen weit gehend verschont. Deshalb sind sich viele der Wohlstandsgefährdung durch ausbleibendes Wachstum noch nicht bewusst.»
Das Unglück der Schweiz besteht also darin, dass sich die Menschen in diesem Land zu wohl fühlen. «Der gefühlte Wohlstand ist auch in Zeiten mit objektiv niederen Wachstumsraten noch immer ausgesprochen hoch»" klagen Held und Mitautoren in «Ökonomik der Reform». Diese «Wohlstandsillusion» sei schuld an unserer «Wachstumsschwäche» und unserem «Reformstau».
Wachstum als Selbstzweck
Damit erfahren wir endlich, was im Leben wirklich zählt: Wohlfühlen ist schlecht, das Wachstum der Wirtschaft respektive des BIP ist gut. Damit wir das Gute wollen, müssen wir zuerst einmal unseren «gefühlten Wohlstand» überwinden, also uns ein Unwohl-Gefühl verschaffen. Dieses Unwohl-Gefühl ist laut Borner, Held & Co. die Voraussetzung, um die notwendigen Reformen einzuleiten, die unsere «Wachstumsschwäche» überwinden.
Was aber soll wachsen, welcher Teil des BIP? Die Autokäufe, damit die Staus noch länger werden? Die Krankheitskosten? Der vom Steuerhinterziehungsgeheimnis geschützte Finanzplatz? Die Südanflüge? Solche Fragen werden in beiden Büchern kaum thematisiert, geschweige denn beantwortet. Reformen und BIP-Wachstum sind hier nicht Mittel, um die Welt zu verbessern, sondern Selbstzweck. Und diesem Zweck hat sich das Wohlgefühl der Menschen unter zu ordnen.
Unsinnige Hochrechnungen
Um den «gefühlten Wohlstand» zu erschüttern, präsentieren uns Borner und sein Mitautor eine Tabelle. Diese zeigt, wie sich das teuerungs- und kaufkraftbereinigte BIP pro Kopf bis 2030 entwickelt, wenn die prozentualen Wachstumsraten zwischen 1970 und 2000 auf die nächsten dreissig Jahre fortgeschrieben werden. Resultat: Die Schweiz würde ihr BIP pro Kopf von heute 30 370 auf 41 350 US-Dollar im Jahr 2030 erhöhen - und trotzdem auf den 21. Rang in der OECD- Rangliste abrutschen. Irland hingegen würde, im gleichen Zeitraum sein BIP pro Kopf auf 100428 Dollar steigern und damit in dreissig Jahren auf das 3,5fache erhöhen. Der «Tages-Anzeiger» fand die Fortschreibung der vergangenen Wachstumsraten derart beeindruckend, dass er die Tabelle am 24. April 2004 abdruckte. Das macht den Unsinn solcher Extrapolationen allerdings nicht kleiner. Denn mit zunehmendem Wohlstand, so belegt ein Blick zurück, nehmen in Wirklichkeit die prozentualen Wachstumsraten in allen reichen Industriestaaten ab.
Ein Rückgang der Wachstumsraten ist nicht nur logisch, sondern überlebenswichtig. Denn ein gleichbleibender prozentualer Zuwachs führt in absoluten Zahlen zu einem exponentiellen und damit völlig unrealistischen Wachstum. Das lernt jeder Primarschüler. Hätten Borner und Bodmer ihre Tabelle noch zwanzig Jahre weiter hochgerechnet, dann wären sie zum Resultat gekommen, dass Irland im Jahr 2050 pro Kopf bereits achtmal mehr Güter- und Dienste konsumieren müsste als heute - und damit hätte vielleicht auch der «Tages-Anzeiger» den Irrwitz dieser Tabelle erkannt.
Staats- und Sozialabbau
Um die Position der Schweiz im globalen Wachstums-Wettlauf zu verbessern, schlagen alle Autoren die alten neoliberalen «Reformen für den Aufbruch» vor, nämlich: Mehr Wettbewerb mittels Deregulierung, weniger Staatsausgaben und weniger Sozialleistungen. Weil aber die Volks-Mehrheit in ihrem Wohlgefühl voraussichtlich zu dumm ist, diesen Medikamenten-Cocktail zu schlucken, braucht es laut Borner auch folgende «politisch-institutionellen Reformen»: Bereiche mit grossem staatlichem oder politischem Einfluss sind zu entpolitisieren. Individualrechte sind gegenüber Volksrechten zu stärken. «Status-quo-freundliche Vetomöglichkeiten im System müssen eingeschränkt werden», etwa durch Erschwerung von Referenden und Initiativen. Fazit: Um das BIP-Wachstum in der - durchschnittlich - satten Schweiz auf Teufel komm raus anzukurbeln, muss das Volk seine demokratischen Rechte abbauen. Und wenn es das nicht tut, bleibt Borner und Co. immer noch die Hoffnung auf sportliche Frustration: «Überholt aber ein Land nach dem anderen die Schweiz im kaufkraftbereinigten Pro-Kopf- Einkommen, wird sich das (angebliche) Glücksgefühl der Schweizer kaum mehr lange aufrecht erhalten lassen.» Deutlicher hat bisher noch niemand den Widerspruch zwischen Wachstumszwang und Wohlbefinden entlarvt.
"Wohlstand ohne Wachstum» Silvio Borner, Frank Bodmer: OF-Verlag, 2004, 44 Franken.
"Ökonomik der Reformen», Thomas Held, Hans Rentsch, Thomas Straubhaar u.a., OF-Verlag 2004, 39.80 Franken. (PS, 17/04 6. Mai, AZ 8026 Zürich).