Ein diffamierender deutscher Zeitungsbericht und sein mutmaßlicher deutscher Stichwortgeber in der EU-Bürokratie belasten in zunehmendem Maß die Verhandlungen über den britischen Austritt aus der Union. Martin Selmayr, Kabinettschef von Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, wird vorgeworfen, angebliche Inhalte eines internen Gesprächs zwischen Juncker und der britischen Premierministerin Theresa May an eine deutsche Zeitung weitergeleitet zu haben. Die - laut Juncker unzutreffenden - Inhalte sind geeignet, Großbritannien in den Brexit-Verhandlungen schweren Schaden zuzufügen. Selmayr, der schon vor Monaten erklärte, der Brexit werde "nie ein Erfolg", gilt als mächtigster Beamter in Brüssel. Über ihn heißt es, er kontrolliere nicht nur den Zugang zu Juncker; er "regiere" auch "sehr autoritär". Neben ihm sind noch weitere Deutsche an Schlüsselstellen in der EU mit den Brexit-Verhandlungen befasst.
https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/7430/, 27.10.2017
"Um Hilfe gefleht"
Auslöser für den jüngsten Konflikt um Martin Selmayr, den deutschen Kabinettschef von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, war ein Presseartikel vom vergangenen Sonntag, in dem ein Politikredakteur der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung die Auseinandersetzungen um den Austritt Großbritanniens aus der EU ("Brexit") behandelte.[1] Gegenstand des Artikels war unter anderem die Schilderung eines internen Abendessens, zu dem sich Juncker und die britische Premierministerin Theresa May Anfang voriger Woche in Brüssel getroffen hatten. May wurde darin weitschweifig als schwach, planlos und unfähig dargestellt, ihre Partei zu kontrollieren. Sie sei Juncker "ängstlich", "verzagt und mutlos" gegenübergetreten, hieß es; sie habe "tiefe Ringe" unter den Augen gehabt "wie jemand, der nächtelang keinen Schlaf findet". Ihre "Mimik und ihr Auftreten" hätten "Bände" gesprochen; sie habe "äußerste Kraft" aufbringen müssen, "um nicht die Contenance zu verlieren". "Sie flehte um Hilfe", behauptete der Frankfurter Politikredakteur, der seine abschätzige Darstellung der britischen Premierministerin noch dadurch verstärkte, dass er sie mit dem Bild einer politisch stringent agierenden, dabei jedoch ehrenhaft-generös auftretenden EU-Spitze kontrastierte: Man könne zwar "nicht die Probleme der Briten für sie lösen", heiße es im Bundeskanzleramt; doch habe es in Brüssel auch "nicht so aussehen" sollen, als lasse man dort "die Premierministerin abblitzen". Man habe "ihre Niederlage" daher "wenigstens hübsch verpackt".
Der Frankfurter Zeitungsartikel hat nicht nur deswegen hohe Wellen geschlagen, weil er geeignet ist, London in den Verhandlungen Schaden zuzufügen, sondern auch, weil er bereits der zweite seiner Art binnen weniger Monate gewesen ist. Schon am 30. April hatte derselbe Politikredakteur im selben Blatt einen Beitrag publiziert, in dem ebenfalls eine interne Zusammenkunft zwischen May und Juncker ausführlich geschildert wurde. Schon damals war May unter Berufung auf angebliche Gesprächsdetails abschätzig charakterisiert worden - als naiv, illusionär und "rosige[...] Bilder vom Brexit" verbreitend -, während der Autor ihr Juncker als honorigen Fachmann gegenüberstellte, der lediglich "einen ordentlichen Austritt, kein Chaos" wolle.[2] Der Artikel, der wenige Wochen vor der britischen Parlamentswahl veröffentlicht wurde, wurde zutreffend als Versuch eingestuft, zugunsten der Brexit-Gegner in den Wahlkampf einzugreifen. Er hat entsprechend verärgerte Reaktionen im Vereinigten Königreich ausgelöst und nicht unwesentlich dazu beigetragen, das politische Klima zwischen dem Kontinent und Großbritannien zu vergiften.
Als Quelle des Frankfurter Politikredakteurs ist damals recht schnell Martin Selmayr ausgemacht worden. Dies ergab sich daraus, dass der Redakteur interne Informationen über einen Teil der Zusammenkunft verbreitete, bei dem neben Juncker, May und einem ihrer Berater nur Selmayr zugegen gewesen war. Insider berichteten bereits im Frühjahr, Selmayr sei längst dafür bekannt, gelegentlich interne Details an den Frankfurter Redakteur durchsickern zu lassen. Auch diesmal ist der Verdacht wieder auf Junckers Kabinettschef gefallen, zumal erneut keine andere Quelle erkennbar ist: Neben Selmayr waren für die EU nur Juncker und der Brexit-Chefunterhändler Michel Barnier zugegen gewesen. Insider messen Selmayrs Dementi, das über Twitter erfolgte, deshalb wenig Überzeugungskraft bei. Dabei hat der Bericht, dessen Inhalt in London als nicht nur tendenziös, sondern sachlich falsch eingestuft und dessen Inhalt auch von Juncker bestritten wird, potentiell weitreichende Folgen: Er entzieht künftigen Gesprächen zwischen London und Brüssel jegliche Vertrauensgrundlage, da nun jederzeit mit einem erneuten Durchsickern zutreffender oder unzutreffender Details und einem weiteren, die britische Regierung diffamierenden Bericht in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zu rechnen ist. Wohl auch deshalb hat Kanzlerin Angela Merkel verbreiten lassen, sie sei "wütend" über den Artikel [4], der das höchst seltene Kunststück vollbracht hat, in Großbritannien Befürworter und Gegner des Brexit in Empörung zu vereinen.
Dabei wirft der Skandal einmal mehr ein Schlaglicht auf die zunehmend beherrschende Rolle, die deutsches Personal in den obersten Rängen der EU-Bürokratie spielt. Selmayr hat dabei zur Zeit eine Schlüsselposition inne. Er ist an führender Stelle mit dem britischen EU-Austritt befasst, seit er von Juncker im Oktober 2016 beauftragt wurde, mit London erste Vorgespräche darüber zu führen. Seitdem ist er - zuweilen als einziger neben Juncker - auch bei Spitzenverhandlungen über den Brexit präsent. Sein Leitmotiv dabei hat er folgendermaßen formuliert: "Der Brexit wird nie ein Erfolg werden."[9] Dabei ist Selmayr nicht der einzige Deutsche, der im Namen der EU auf höchster Ebene Brexit-Verhandlungen führt. Auch der - neben Juncker - zweite EU-Verantwortliche, der offizielle Brexit-Beauftragte Michel Barnier, hat mit seiner Stellvertreterin Sabine Weyand eine Deutsche an seiner Seite. Über Weyand, die ebenfalls in Gespräche auf höchster Ebene eingebunden ist, heißt es, sie stehe Selmayr durchaus nahe.[10] Brexit-Koordinator der Europäischen Volkspartei (EVP) und Brexit-Sherpa des Europäischen Parlaments ist mit Selmayrs langjährigem Förderer Elmar Brok ebenfalls ein Deutscher. In Verbindung mit der dominanten Stellung der deutschen Kanzlerin in der EU üben deutsche Politiker und Beamte auf allen Ebenen einen entscheidenden Einfluss auf die Brexit-Gespräche aus. Deutschland befindet sich bezüglich des Brexits bezüglich eigener Interessen in einem Dilemma. Deutsche Wirtschaftsverbände dringen auf ein Ende der Brexit-Provokationen der EU-Kommission. Ein ungeregelter Brexit werde die deutsche Wirtschaft teuer zu stehen kommen, warnte z.B. der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK); man müsse unbedingt zu einer gütlichen Einigung mit London über den britischen EU-Austritt gelangen. Ähnlich äußerte sich der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Mit Blick auf drohende Schäden für die deutsche Wirtschaft, die ein harter Bruch zwischen der EU und Großbritannien verursachen dürfte, rief das Kanzleramt Brüssel zur Mäßigung auf. Andererseits möchte man mit Blick auf das von Deutschland dominierte Grossmachprojekt "Europa" den Brexit nicht zum Erfolg werden lassen. Mögliche Austrittsinteressenten sollen abgeschreckt werden.
Quellen:
[1] Thomas Gutschker: Ohne Qualen geht es nicht. www.faz.net 22.10.2017.
[2] Thomas Gutschker: Das desaströse Brexit-Dinner. www.faz.net 01.05.2017.
[4] Merkel "wütend" über Bericht zu May und Juncker. www.derstandard.de 24.10.2017.
[9] Florian Eder, David M. Herszenhorn: Brexit will never be a success: Juncker's top aide. www.politico.eu 05.05.2017.
[10] Tom McTague, David M. Herszenhorn: Juncker's "monster" haunts Britain. www.politico.eu 26.10.2017.