In der EU tobt ein erbitterter Streit um die Reform der Subventionen für die Landwirte. Denn die haben nur beschränkt Lust auf den «Green Deal»
Die EU-Kommission möchte die Bauern für ihre Klimaziele einspannen. Doch diese wollen sich nicht «herumschubsen» lassen und erhalten Unterstützung von ihren Regierungen und dem EU-Parlament. So deutliche Worte hört man an Pressekonferenzen der EU-Institutionen selten. «Zutiefst irritiert» hätten sich die 27 Landwirtschaftsminister gezeigt, berichtete Julia Klöckner am Mitte November 2020 nach einer Videokonferenz mit ihren Kollegen. Sie hatte das Treffen als Vertreterin der EU-Rats-Präsidentschaft geleitet. Für Ärger sorgten laut Klöckner Äusserungen des Kommissionsvizepräsidenten Frans Timmermans. Dieser ist zuständig für den grünen Deal, mit dem die Kommission um die Deutsche Ursula von der Leyen die EU bis 2050 klimaneutral machen will.
Der Niederländer habe die Drohung in den Raum gestellt, dass die Kommission ihren Reformvorschlag für die gemeinsame Agrarpolitik der EU (GAP) zurückziehe, sagte Klöckner. Die Vorlage, so behaupte Timmermans, würde bezüglich Klimaschutz und Biodiversität hinter den Status quo zurückfallen. Das sei faktisch falsch und heize die Stimmung gegen Landwirte an, sagte die deutsche Landwirtschaftsministerin. Das sei der Kommission nicht würdig, polterte Klöckner weiter. Ihre Kollegen hätten sich ähnlich emotional und teilweise noch deutlicher geäussert, schob sie nach.
Seit Anfang der 1960er Jahre lässt die EU im Rahmen ihrer GAP den Bauern finanzielle Unterstützung zukommen. Der Sektor war 2018 für 1,6% des Bruttoinlandproduktes (BIP) der EU – damals noch mit Grossbritannien – verantwortlich. Es gibt rund 8,8 Mio. Bauern (2017) und 10,5 Mio. Betriebe (2016). Die EU lässt sich die Unterstützung der Landwirtschaft seit je eine Stange Geld kosten. Im Jahr 2018 stand den damals 28 EU-Staaten eine Summe von 41,5 Mrd. für Direktzahlungen zur Verfügung, insgesamt flossen von 2014 bis 2020 jährlich rund 55 Mrd. in die GAP. Der Sektor ist dabei extrem unterschiedlich strukturiert. Während in Tschechien grosse Betriebe dominieren, gibt es in Rumänien extrem viele kleine Höfe.
Der nächste mehrjährige Finanzrahmen (MFR, 2021 bis 2027) soll ganz im Zeichen des grünen «Deals» der EU-Kommission um Präsidentin Ursula von der Leyen stehen. Dazu sollen auch die Bauern ihren Beitrag leisten. Im MFR sind 3 von 10 für Klimabelange reserviert, in der Agrarpolitik möchte die Kommission gar 40% der Gesamtsumme von 387 Mrd. dafür einsetzen.
Und das ist nicht alles. Geld soll nur fliessen, wenn die Empfänger strengere Anforderungen bezüglich Klimaschutz, Biodiversität und Tierwohl erfüllen. Die Bauern müssen demnach etwa Flächen als Dauergrünland bereithalten, Feuchtgebiete und Torfflächen schützen und bei der Fruchtfolge Vorgaben berücksichtigen.
Einen Teil des Geldes erhalten die Bauern zudem nur für Öko-Programme («Eco-Schemes»). Dazu zählt Brüssel die ökologische Landwirtschaft, den Präzisionsackerbau oder auch das «Carbon-Farming», also die Kohlenstoffanreicherung von Böden durch alternative Bewirtschaftung. Die Kommission will so die Bauern hin zu «nachhaltigeren» Formen der Landwirtschaft führen.
Darüber hinaus missfällt Brüssel, dass 80% der Direktzahlungen in den Taschen von lediglich 20% der Empfänger landen. Deshalb will sie diese Subventionen auf 100 000 pro Nutzniesser beschränken und so anstatt Grossbetrieben stärker Kleinbauern helfen.
Schliesslich plant die Kommission unter dem Slogan «Vom Hof auf den Tisch», bis 2030 den Einsatz von gefährlichen Pestiziden zu halbieren, die Verabreichung von Antibiotika in Vieh- und Fischzucht ebenfalls zu halbieren und den Einsatz von Düngemitteln um einen Fünftel zu verringern. Dazu kommt eine Biodiversitätsstrategie, in deren Rahmen Bäume angepflanzt, Schutzzonen geschaffen, Bienen gerettet und Flüsse renaturiert werden sollen. Das alles möchte Brüssel über Grundanforderungen und Ökoprogramme den Bauern auftragen.
Kaum erstaunlich haben die Landwirte aber wenig Lust, sich von der Kommission dreinreden zu lassen. Sie möchten lieber weiter möglichst viel Geld mit möglichst wenig Auflagen. Auch von einer Deckelung der Direktzahlungen halten sie wenig. Entsprechend hat sich die Bauernlobby bei EU-Parlamentariern und Landwirtschaftsministern für Änderungen an den Vorschlägen der Kommission eingesetzt. In der zweiten Oktoberhälfte einigten sich dann der Rat der Mitgliedstaaten und das EU-Parlament auf ihre Standpunkte zur neuen GAP. Beide Institutionen wichen von den Kommissionsvorschlägen ab. Parlament und Rat wollen es den Mitgliedstaaten überlassen, ob sie die Direktzahlungen bei 100 000 kappen. Die Finanzierung von Öko-Programmen soll flexibler gestaltet werden und auch eine andere Verwendung dieser Gelder erlauben. Und schliesslich zeigen sich beide Institutionen nachsichtiger, was die ökologischen Mindestanforderungen für Direktzahlungen betrifft.
Kritiker sprachen von einer inakzeptablen Aufweichung der Umweltvorgaben und gar von der Beerdigung des «Green Deal». Landwirtschaftskreise sahen darin jedoch eine Beschränkung auf das realistisch Machbare. Klöckner ihrerseits hatte die Ideen aus Brüssel auch schon als «Visionen» bezeichnet, welche über dem Acker «schwebten» und zum Teil nicht sehr viel mit der Realität zu tun hätten.
Rat und Parlament müssen sich nun auf gemeinsame Positionen einigen. Da die beiden Institutionen sich aber bei gewissen Abweichungen bereits vor dem Start des sogenannten Trilogs mit der Kommission einig waren, dürften gewisse Standpunkte der Kommission wegfallen. Entsprechend sah der Green-Deal-Kommissar und Vizepräsident Timmermans seine Felle davonschwimmen, was ihn zu seinen Stellungnahmen veranlasst haben dürfte. Die GAP müsse höheren Anforderungen an Klimaschutz, Biodiversität, Nachhaltigkeit und faire Einkommen für Bauern genügen, schrieb er auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Timmermans zeigte sich gegenüber der ARD «sehr enttäuscht» und erinnerte wie erwähnt an die Möglichkeit der Kommission, eine Vorlage zurückzuziehen, wenn sich Rat und Parlament zu weit von dem ursprünglichen Vorschlag entfernten. Zahlreiche Umweltschutzorganisationen um Greenpeace und WWF haben die Kommission in einem Schreiben zu genau diesem Schritt und einer Neuauflage der GAP aufgefordert. Das löste den erwähnten Aufschrei der Agrarminister aus.
Ursula von der Leyen versuchte die Wogen zu glätten. Sie habe nicht die Absicht, die Vorlage zurückzuziehen, schrieb die Präsidentin aufgebrachten EU-Parlamentariern. Sie zeigte sich vielmehr überzeugt davon, dass die GAP im Rahmen der Trilog-Gespräche noch in eine «für den Zweck geeignete» Form gebracht werden könne.
Ob das gelingt, wird sich zeigen. Die Unterhändler haben für eine Einigung noch etwas Zeit. Denn bereits im Sommer wurde beschlossen, dass die Bauern 2021 und 2022 in einer Übergangsphase noch gemäss den alten Vorschriften unterstützt werden. NZZ, 20. November 2020, S. 21
