Nach dem Treffen mit Aussenminister Ignazio Cassis will die EU den «Dialog» mit der Schweiz beschleunigen. Bis Januar soll eine «Road Map» vorliegen, wie und wann die institutionellen Fragen gelöst werden sollen. Kommt aus Bern dazu ein politisches Bekenntnis, könnte es auch bei Horizon Europe wieder vorangehen – die altbekannte, erpresserische Politik der EU. «Die Schweiz darf in der Europapolitik nicht noch einmal in die gleiche Falle tappen», hat Aussenminister Ignazio Cassis gesagt, bevor er am Montag, den 15. November 2021, nach Brüssel gereist ist. Dort traf der Bundesrat den neu für die Schweiz zuständigen EU-Kommissar Maros Sefcovic. Dennoch entsteht am Ende des Tages der Eindruck, dass es im gleichen Stil wie vorher weitergeht. Vorher, das ist vor dem Abbruch der Gespräche über ein institutionelles Rahmenabkommen zwischen der Schweiz und der EU im Mai 2021. Die EU-Kommission bleibt stur auf ihren rechtsimperialistischen Positionen sitzen.
Das beginnt schon damit, dass Cassis und Sefcovic separat vor die Medien traten. Die beiden waren sich aber einig, dass sie den von Bern gewünschten politischen «Dialog» nicht nur aufnehmen wollen, sondern diesen auch intensivieren möchten. Vorgesehen ist, dass sie am Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar 2022 erstmals Bilanz ziehen. Was allerdings Sefcovic unter dieser «Intensivierung» versteht, tönt ziemlich anders als das, was Cassis offenbar damit meint. Der EU-Kommissar will einen Fahrplan für die Lösung «aller offenen strukturellen Fragen» in den bilateralen Beziehungen erarbeiten. Und die «wirklichen» strukturellen Probleme sind laut Sefcovic die dynamische Anpassung von Schweizer Gesetzen an das EU-Recht, gleiche Wettbewerbsbedingungen, ein Streitbeilegungsmechanismus und ein regelmässiger finanzieller Beitrag der Schweiz zur EU-Kohäsionspolitik.
Darüber hinaus verlangt Brüssel von Bern ein unmissverständliches politisches Signal, dass sich die Schweiz in einem realistischen Zeitrahmen auf die kritischen Fragen einlassen will. Mit anderen Worten: Die Kommission hat keine Lust, bis nach den Wahlen im Herbst 2023 um den heissen Brei herumzureden.
Bei Cassis tönte das alles etwas anders. Er will den Beziehungen «eine positive Dynamik verleihen». So werde nun auf Ministerebene ein «strukturierter politischer Dialog» etabliert. Gemeinsam solle nun eine Standortbestimmung vorgenommen und eine Agenda erarbeitet werden. Über diese berate man dann in Davos, heisst es in einer am Montag versandten Pressemitteilung.
Vor den Medien wollte Cassis nichts von den offensichtlichen Widersprüchen wissen. Dazu gehört, dass die EU so schnell wie möglich wieder über institutionelle Fragen zu reden beabsichtigt, während der Bundesrat das mehr oder weniger explizit erst 2024 nach den Wahlen tun möchte.
Es sei selbstverständlich, dass beide Seiten ihre Forderungen hätten. Es gehöre nun zur Erarbeitung der gemeinsamen Agenda, dass man die Interessen zusammenzubringen versuche. Tatsächlich ist es mit diesem Ansatz möglich, dass nun auch gewisse Wünsche der Schweiz wie ein Stromabkommen mit auf den Tisch kommen, die beim Rahmenabkommen noch ausgeklammert waren.
Dennoch ist der Konflikt vorprogrammiert, wenn die EU beispielsweise die Fragen der Personenfreizügigkeit wieder aufgreifen will. Cassis erklärte in Brüssel, er habe seinem Gesprächspartner klar gesagt, dass man in dem Fall nicht vorankommen werde. Denn die Schweiz habe dazu eine klare Haltung, und der Bundesrat habe deswegen die Verhandlungen über das Rahmenabkommen beendet.
Auch bezüglich eines politischen Signals aus Bern wiegelte Cassis ab. Das stärkste Signal habe bereits das Schweizer Parlament gesendet, indem es die zweite Kohäsionsmilliarde freigegeben habe. Bis im Januar werde der Bundesrat nun kein weiteres Signal mehr senden.
Cassis und Sefcovic sprachen auch über die Assoziierung der Schweiz beim EU-Forschungsrahmenprogramm Horizon Europe. Dieses läuft von 2021 bis 2027, und anders als beim Vorgänger Horizon 2020 erhalten die Schweizer Forscher keinen vollständigen Zugang. Sefcovic betonte, man schliesse die Schweiz nicht aus. Dennoch wirkt es stossend, dass die EU ausgerechnet die Türkei bereits vollständig zugelassen hat.
Man werde die Beziehungen mit der Schweiz ganzheitlich betrachten, um über den Zugang zu Horizon Europe zu entscheiden, sagte Sefcovic. Solange Bern kein ernstzunehmendes Engagement bei den für die EU wichtigen Fragen zeige, werde man bei dem Forschungsprogramm kaum vorankommen. Hinter den Kulissen war zudem zu hören, dass die «politische Grosswetterlage» durchaus eine Rolle dabei spiele, ob man der Schweiz hier entgegenkommen könne. Im Klartext verknüpft die EU weiterhin Forschung und Marktzugang. Das bezeichnete Cassis als «kontraproduktiv und unverständlich».
Damit löst auch die freigegebene zweite Kohäsionsmilliarde offensichtlich nicht das ein, was man sich in Bern von ihr versprochen hatte. Cassis betonte zwar, dass Sefcovic positiv darauf reagiert und sich bedankt habe. Dasselbe gilt auch für die vollständige Freizügigkeit für die Bürger Kroatiens. Dennoch bleibt das Horizon-Europe-Dossier weiter blockiert – Unterwürfigkeit bei Machtungleichgewichten und daraus folgender Erpressung lohnt sich selten.
Immerhin gibt es laut Cassis eine Einigung bezüglich der Absichtserklärung zur Kohäsionsmilliarde auf technischer Ebene. Nun können die jeweiligen politischen Genehmigungsverfahren eingeleitet werden. Die Erklärung war umstritten, weil die Kommission darin festhalten wollte, dass die Kohäsionsbeiträge der Schweiz eine Art Eintrittsticket für den Binnenmarkt seien und in Zukunft regelmässig erfolgen sollten. Bern sieht dieses Geld aber seit je als freiwilligen Beitrag der Schweiz für ärmere EU-Staaten im Osten Europas und damit als Wohltätigkeit und nicht als Eintrittspreis. Bern fordert zudem keinen Beitrag für den Marktzutritt in die Schweiz.
Die Schweiz müsse herausfinden, was sie wolle und welchen Preis sie zu zahlen bereit sei, hatte Cassis vor seiner Reise gesagt. Und wenn man nicht die gleichen Fehler wie beim Rahmenabkommen begehen möchte, dann sollte das von Anfang an unmissverständlich Brüssel mitgeteilt werden.
In der Schweiz fallen die Reaktionen durchzogen aus. Am einfachsten ist die Sache bei der SVP: Sie lehnt eine Einigung bei institutionellen Fragen wie der Rechtsübernahme oder der Streitschlichtung grundsätzlich ab und wünscht sich, dass der Bundesrat diese Haltung der EU klipp und klar kundtut. Diese Haltung ist in der Schweiz nicht mehrheitsfähig. So nahm etwa der FDP-Präsident Thierry Burkart die Nachrichten aus Brüssel am Montag verhalten positiv auf: «Es ist ein gutes Zeichen, dass beide Seiten den Dialog fortsetzen wollen.» Dass die EU eine klare Struktur für die Gespräche verlange, sei nachvollziehbar. «Nicht partnerschaftlich» sei hingegen, dass Brüssel an der sachfremden Verknüpfung mit der Forschungszusammenarbeit festhalte, um die Schweiz unter Druck zu setzen. Dies erschwere die Lösungssuche bedeutend.
Burkart hält es dennoch für realistisch, dass der Bundesrat bis im Januar einen Zeitplan mit konkreten Themen für die Gespräche vorschlagen kann. «Inhaltlich darf er jedoch zurzeit keine verbindlichen Zusagen machen.» Der FDP-Präsident bekräftigt, dass die Partei für eine Lösung der institutionellen Fragen offen sei. Entscheidend sei, wie diese ausfalle. Zudem soll sie gemäss Burkart nicht in einem abstrakten Rahmenvertrag verankert werden, sondern direkt in den einzelnen Abkommen. «Dass die Personenfreizügigkeit weiterhin das schwierigste Thema sein wird, ist völlig klar.»
Kritischer fällt die Reaktion des SP-Fraktionschefs Roger Nordmann aus: «Es war fahrlässig von Cassis, einfach so nach Brüssel zu reisen, ohne Plan, ohne Auftrag, ohne Position.» Dass die EU die Gelegenheit nutze, die Schweiz gleich wieder unter Druck zu setzen, sei nur logisch. Nordmann zählt in der SP zum rechtsliberalen, EU-freundlichen Flügel, der den Rahmenvertrag deutlich positiver beurteilte als die Gewerkschaften, die stark zum Scheitern beitrugen. Nordmann zeigt sich noch heute überzeugt, dass «mit sachlichen Umsetzungsvorschlägen» durch den Bundesrat mit den Gewerkschaften eine Lösung möglich gewesen wäre.
Nun müsse der Bundesrat die Debatte möglichst rasch vorantreiben und einen Prozess initiieren, der es der Schweiz ermögliche, endlich herauszufinden, was sie wolle. Bern dürfe keinesfalls auf Zeit spielen. «Wenn wir jetzt nicht kooperieren, werden wir keine massgeschneiderte Lösung mehr erhalten, nachdem der Bundesrat unter Anführung des Aussenministers diesen Scherbenhaufen angerichtet hat.»
Die Mitte-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter hat die Ankündigungen am Montag in Brüssel mitverfolgt, wo sie sich zurzeit als Mitglied einer Delegation der Aussenpolitischen Kommissionen des Parlaments aufhält. Dass die EU die Schweiz sogleich wieder unter Druck setzt, nimmt sie schulterzuckend zur Kenntnis: «Es ist nun tatsächlich an uns, der EU klar und verbindlich zu sagen, was wir wollen und wie weit wir dafür gehen werden.» Sie spricht von einer Wunschliste welche die Schweiz nun erstellen müsse. Der Bundesrat müsse die kurze Zeit nutzen, um der EU im Januar konkrete, pragmatische Vorschläge für das weitere Vorgehen zu unterbreiten.
Schneider-Schneiter plädiert für ein rasches Vorgehen. «Die Wahlen 2023 abzuwarten, ist keine Option.» Geht es nach ihr, soll der Bundesrat der EU auch erneute Verhandlungen über die schwierigen institutionellen Fragen anbieten. «Wir werden nicht darum herumkommen», sagt die Mitte-Politikerin. Sie spricht sich jedoch ebenfalls dafür aus, die Spielregeln als Teil einzelner Abkommen festzulegen und nicht in einem Rahmenvertrag. NZZ, 16. November 2021, S. 1