Schutz vor Cyberkrieg und anderen Bedrohungen: Die EU will militärisch nicht im Abseits stehen
Die EU hat militärisch viel vor. Sie will die Cyberabwehr stärken und gemeinsame Rüstungsprojekte fördern. Sie beginnt im November 2022 mit einem Ausbildungsprogramm für rund 15 000 Soldaten, und sie finanziert Waffenlieferungen an Kiew.
Es war eine vielsagende Szene, die sich am 10. November 2022 im Brüsseler Berlaymont-Gebäude abspielte. Gleich vier EU-Kommissarinnen und Kommissare hatten sich im Pressesaal vor die Mikrofone gestellt. Die Dänin Margrethe Vestager, der Spanier Josep Borrell, der Franzose Thierry Breton und die Rumänin Adina Valean referierten feierlich ihre neuesten Pläne im Sicherheits- und Verteidigungsbereich – darunter eine Strategie zum Schutz vor Cyberangriffen und ein Aktionsplan zur «militärischen Mobilität».
Doch auf die erste kritische Frage eines Journalisten waren sie nicht vorbereitet. Ob die EU auch Massnahmen für ihre Mitarbeiter getroffen habe, die sich zur COP-27-Klimakonferenz nach Sharm al-Sheikh aufgemacht hätten, wollte ein «Politico»-Reporter wissen. Die ägyptische Regierung habe nämlich alle Delegierten eingeladen, eine offizielle Smartphone-App herunterzuladen, die von Sicherheitsberatern als eine Art «Cyberwaffe» enttarnt worden sei. Mit ihr seien die Gastgeber in der Lage, alle privaten E-Mails, Kontakte und Sprachnachrichten mitzulesen.
Die vier Kommissionsmitglieder tauschten betretene Blicke aus, doch beantworten wollte die Frage niemand. Einmal mehr schien die EU-Exekutive von der Wirklichkeit eingeholt worden zu sein, obwohl sie doch seit Monaten fieberhaft Programme auflegt, in denen es darum geht, in der einen oder anderen Form «Resilienz aufzubauen» und sich vor allen möglichen Bedrohungen schützen zu können.
Digitale Gegenangriffe erwünscht
Das Cyberabwehrprogramm und der Plan zur «militärischen Mobilität» sind die jüngsten Antworten aus Brüssel auf die veränderte geopolitische Lage. Dabei schlägt die Kommission im Cyberbereich nicht nur eine engere Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten bei der Eindämmung von digitalen Angriffen vor. Sie ruft die Länder auch dazu auf, «in das gesamte Spektrum der Fähigkeiten zur Cyberabwehr» zu investieren, einschliesslich «aktiver Verteidigungsfähigkeiten».
Im Klartext ist damit eine Ermunterung zu digitalen Gegenangriffen gemeint – sogenannte Hackbacks, bei denen die angegriffene Seite die Computersysteme des Angreifers oder andere Teile von dessen kritischer In¬fra¬struktur lahmlegt. In Deutschland, wo man sich vor dem Risiko einer Eskalation fürchtet, wird ein solcher Gegenschlag allerdings kritisch gesehen. Die Ampelkoalition lehnt ihn bis anhin ab. Der zweite Vorstoss der Kommission will dafür sorgen, dass innerhalb der EU schneller Soldaten und Panzer grenzüberschreitend verlegt werden können. Die Kommission will das derzeitige militärische Transportnetzwerk umfassend überprüfen und Verwaltungsverfahren für die Logistik der Streitkräfte beschleunigen, um im Ernstfall schnell handlungsfähig zu sein, wie sie mitteilte. Ein solches Programm zur Schaffung eines «militärischen Schengenraums» existiert allerdings schon längst in Brüssel, es ist ein Teil der Verteidigungsinitiative Pesco.
Kein Mangel an Projekten
Tatsächlich herrscht kein Mangel an EU-Programmen für Rüstungs- und Verteidigungsprojekte. Daneben gehören auch militärische Auslandsmissionen (mit teilweise zweifelhaftem Erfolg) seit vielen Jahren zum Portfolio der Staatengemeinschaft. Einen echte gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik gibt es trotzdem bis anhin nur auf dem Papier. Schliesslich organisieren die meisten EU-Staaten ihre Verteidigung ohnehin im Rahmen der Nato.
Mit dem Krieg in der Ukraine ist jedoch einiges in Bewegung geraten. Die EU-Staaten haben sich angesichts der russischen Bedrohung verpflichtet, mehr Geld in ihr Militär sowie ihre Rüstungsindustrie zu investieren, und bei dieser Entwicklung möchte Brüssel nicht im Abseits stehen. Man müsse einen «Quantensprung nach vorne machen» heisst es im «Strategischen Kompass», dem im Frühjahr 2022 veröffentlichten sicherheitspolitischen Grundsatzdokument der EU. Ohne «hard power», also ohne militärische Schlagkraft, werde man vom Rest der Welt nicht ernst genommen, glaubt Borrell, der Aussenbeauftragte.
Nur was genau hat die EU bisher vorzuweisen ausser der Ankündigung, eine neue Eingreiftruppe mit 5000 Soldaten bereitzustellen? Schon 2004 wurde eine vergleichbare Formation in Form der (bisher arbeitslosen) «battle groups» ins Leben gerufen.
Die zwei eindrücklichsten Projekte in jüngster Zeit haben direkt mit der Ukraine zu tun. Das eine ist die gemeinsame Beschaffung von Rüstungsgütern für das angegriffene Land, finanziert über die sogenannte Europäische Friedensfazilität. Mit diesem Fonds sollte ursprünglich afrikanischen Partnerstaaten geholfen werden, die sich Waffenkäufe in Europa nicht leisten können. Der Fonds ist mit 5,7 Milliarden Euro ausgestattet, und er ist nicht Teil des regulären Haushalts der EU, welcher eine Finanzierung militärischer Projekte ausdrücklich ausschliesst.
Keine Macht, nur ein Moderator
Das zweite ist eine Ausbildungsmission für rund 15 000 ukrainische Soldaten, die ebenfalls mit Mitteln aus der Friedensfazilität bestritten wird. Das Trainingsprogramm EUMAM Ukraine sieht vor, militärische Grundlagen sowie spezielle Fähigkeiten etwa bei der Minenräumung, beim Schutz vor chemischen und nuklearen Waffen oder bei der Cyberabwehr zu vermitteln. Der Einsatz wird von Brüssel aus gesteuert, die beiden nachgeordneten Hauptquartiere liegen in Polen und in Deutschland.
Doch reichen die Beispiele aus, um die EU eine Militärmacht zu nennen? Der Verteidigungsexperte Christian Mölling von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin würde lieber von einem «Moderator» als von einem militärischen Akteur sprechen. Es bestehe eine zu grosse Lücke zwischen den hohen Ambitionen Brüssels und der Wirklichkeit, in der das Kerngeschäft der Friedenssicherung von den Nationalstaaten organisiert werde.
Selbst die Ausbildungsmission für die Ukrainer sei letztlich kein grosser Wurf, findet Mölling: «Die Amerikaner und Briten bilden ukrainische Soldaten seit 2014 aus, mehrere EU-Staaten seit Kriegsbeginn. Erst jetzt, im neunten Kriegsmonat, kommt die Initiative aus Brüssel, von der noch nicht klar ist, welchen Mehrwert sie bringt.» NZZ, 11. November 2022.
Abgesehen von den USA gibt niemand so viel für «Verteidigung» aus wie die Europäische Union
Quelle: IISS The Military Balance 2021