Die Volksherrschaften sind am besten darin, wohlstandsfördernde Institutionen zu schaffen – doch ohne Vertrauen werden sie instabil
«Warum verdient die ärmere Hälfte der Menschen nur 10 Prozent aller weltweiten Einkommen und besitzt nur 2 Prozent der Vermögen?», fragen sich Daron Acemoglu, Simon Johnson und James A. Robinson, die dieses Jahr mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet worden sind. Die oberflächliche Antwort lautet: Weil es grosse Wohlstandsunterschiede zwischen den Ländern dieser Welt gibt. Doch woher rühren diese? Und wieso kopieren die ärmeren Länder nicht einfach die reicheren, damit sie auch erfolgreich werden?
Auf die erste Frage geben die neuen Nobelpreisträger eine Antwort, zu der schon der 1993 vom Stockholmer Nobelpreiskomitee ausgezeichnete Douglass North bahnbrechende Arbeiten geschrieben hat. Nebst der natürlichen Ausstattung mit Arbeitskräften, Kapital und Ressourcen sind es vor allem wohlstandsfördernde Institutionen, die den grossen Unterschied machen.
Eigentumssicherheit, Rechtssicherheit, ein verlässliches Justizsystem, aber auch die Möglichkeit, sozial aufzusteigen und politisch zu partizipieren, sind wichtige Voraussetzungen für ein starkes Wirtschaftswachstum und für hohen Wohlstand. Während North vorwiegend theoretisch argumentierte, zeigen Acemoglu und seine Mitautoren mit wirtschaftshistorischen Daten und Analysen von der Zeit des Kolonialismus bis heute, dass die institutionellen Unterschiede sich hartnäckig halten und erklären können, weshalb es über derart lange Zeit anhaltende Wohlstandsunterschiede gibt.
Als entscheidend für den Zustand der Institutionen erweist sich, ob die politisch bestimmende Schicht am Wohlergehen der Gesamtbevölkerung und an wirtschaftlichem Fortschritt interessiert ist oder sich primär darauf konzentriert, Einkommen von der Bevölkerung abzuschöpfen und durch Machterhalt und Repression für sich zu sichern.
Die ökonomische Antwort auf die zweite Frage, wieso ärmere Länder nicht einfach die effizienteren, wachstumsfördernden Institutionen kopieren, hängt eng damit zusammen. Institutionen sind nicht einfach quasi von aussen gegeben, sondern das Resultat eines vorherrschenden, sich entwickelnden Systems. Dieses bildet sich aus dem Zusammenspiel der politisch bestimmenden Schicht mit der Bevölkerung heraus. Dabei spielen bei den Herrschenden die Möglichkeiten, zu Wohlstand zu kommen, ebenso eine Rolle wie die Angst, diesen durch einen Aufstand der Bevölkerung oder durch Machtverlust zu verlieren – und bei der Bevölkerung die Aussicht auf den Lebensstandard verbessernde Reformen sowie die Kosten und Gefahren des Protests. Daraus ergeben sich grob zusammengefasst drei wichtige Erkenntnisse:
1. Die Effizienz des politischen Systems bestimmt die Wohlstandsaussichten. Flexible Systeme, in denen die Bürger ihre Bedürfnisse und Prioritäten äussern können sowie die Politik durch verschiedene «checks and balances» unter Kontrolle gehalten wird und die geordnete Machtwechsel ermöglichen, sind empfänglicher für wohlstandsfördernde Reformen und resistenter gegen Missbrauch und Degeneration, wie sie beispielsweise in Russland passieren. Sie schaffen effizientere Institutionen. Demokratien sind deswegen wirtschaftlich autoritären Systemen überlegen.
2. Es gibt gute und schlechte Gleichgewichte und Zeitfenster für Veränderungen. Demokratien und Autokratien können in sich stabil sein. Starke wirtschaftliche Veränderungen («Schocks») und soziale Unzufriedenheit oder Unrast schaffen jedoch Voraussetzungen, dass sich ein Regierungssystem sowohl zum Positiven (hin zu einer wirtschaftsfreundlicheren Demokratie) wie zum Negativen (zurück zu einer die Bevölkerung ausnehmenden, repressiven Autokratie) verändert.
3. Vertrauen ist sowohl für die Stabilität wie für die Entwicklung zentral. Vertrauen die Bürger ihrem System, drängen sie eher auf wachstumsfördernde Reformen und sind zuversichtlich, dass die Politik diese auch durchführt und sich gegenwärtiger Verzicht für die Zukunft lohnt. Geht Vertrauen verloren, werden Demokratien instabil und können sich autokratische Tendenzen eher durchsetzen. Vertrauen ist aber auch wichtig für den Übergang von einer bloss auf Ressourcen- und Reichtumsabschöpfung ausgerichteten Autokratie in eine fortschrittliche Demokratie. Eine autokratisch herrschende, politisch bestimmende Schicht wird Zugeständnisse nur dann freiwillig machen und auf Repression verzichten, wenn sie darauf vertraut, dass die institutionellen Veränderungen längerfristig auch ihnen zugutekommen werden und sie nicht im Nachhinein aller ihrer Möglichkeiten beraubt wird.
So positiv die grundsätzliche Botschaft im Hinblick auf den verschärften Systemwettbewerb zwischen Autokratien und Demokratien ist, so sehr muss beunruhigen, dass die Demokratien in den vergangenen Jahren in die Defensive geraten sind und sich Autokraten zunehmender Beliebtheit erfreuen. Die Ursache dafür ist wohl in der dritten Erkenntnis zu finden. Fehlt es an Vertrauen, werden auch Demokratien instabil und können sich autokratisch gesinnte Politiker versucht sehen, Macht zurückzuholen und das System zu ändern. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat zum Vertrauen in die nationalen Regierungen und ihre Institutionen im vergangenen Jahr höchst aufschlussreiche Daten erhoben. Sie bestätigen erstens die erwähnten Thesen. Wo ein grösserer Anteil der Bevölkerung ihrer Regierung vertraut, ist der Wohlstand höher. Auch wenn damit nicht bewiesen ist, was Ursache und was Folge ist, ist der Zusammenhang aufgrund der angestellten Überlegungen doch ziemlich eindeutig. Vertrauen in die Politik und ihre Institutionen ist keine hinreichende, aber eine notwendige Voraussetzung für wirtschaftliche Prosperität und inklusive Gesellschaften.
Beunruhigend hoch ist das Misstrauen gegenüber den Regierungen in vielen demokratischen westlichen Ländern geworden ist. Am extremsten ausgeprägt ist dieses unter den OECD-Ländern, die an der Erhebung mitgemacht haben, bei den osteuropäischen Staaten Tschechien, Slowenien und Lettland. In Tschechien haben 71, in Slowenien 58 und in Lettland 54 Prozent kein oder bloss geringes Vertrauen in ihre Regierung. Auch in Grossbritannien (57 Prozent), Frankreich (51), Deutschland (49) und Italien (47) hat das Misstrauen gegenüber den Regierenden beunruhigende Ausmasse angenommen.
Dies ist kein isoliertes Phänomen. Im Durchschnitt der teilnehmenden OECD-Länder ist der Anteil der Bürger, die kein oder nur geringes Vertrauen in ihre Regierung haben (44 Prozent), signifikant höher als der Anteil derer, die ihr moderat bis stark vertrauen (39). Die Schweiz stellt mit 24 Prozent Misstrauenden zu 62 Prozent Vertrauenden eine Ausnahme dar.
Fehlt das Vertrauen in die Politik, so hat dies ungemütliche Konsequenzen für die Stabilität der Demokratien. Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass es autokratisch gesinnten Politikern gelingt, Macht an sich zu reissen und eine Gesellschaft von einer inklusiven (wie es die neuen Wirtschaftsnobelpreisträger nennen) in eine extraktive zu verwandeln, in der die Machthaber primär bestrebt sind, sich am Volk zu bereichern. Fehlendes Vertrauen führt dazu, dass die Bevölkerung weniger an die mittelfristige Um- und Durchsetzung von Reformen glaubt und weniger bereit ist, dafür kurzfristig Verzicht zu leisten. Schliesslich signalisiert es der politisch bestimmenden Schicht, dass sie weniger auf geordnete Machtwechsel und Eigentumsschutz setzen kann und eher vor disruptiven politischen Entwicklungen Angst haben muss.
Dies ist nicht blosse Theorie. So lässt sich mit diesem Ansatz erklären, wieso es Wladimir Putin Anfang dieses Jahrhunderts derart leicht fiel, das demokratische Russland wieder in eine Autokratie zu verwandeln: Die Bevölkerung traute den Regierenden nicht und engagierte sich nicht für ihre noch junge Demokratie, während sich die Herrschenden mit zunehmendem Wohlstand immer stärker vor einem Aufbegehren der Bevölkerung und Machtverlust fürchteten und sich in Autokratie und Repression flüchteten. Unter dem Resultat leiden nun nicht nur die Ukrainer (und viele Russen).
Was aber könnte getan werden, um die Widerstandsfähigkeit der Demokratien in Europa und im Westen zu stärken und vor Ähnlichem zu bewahren? Erstens zeigt die OECD-Umfrage, dass ein enger Zusammenhang besteht zwischen dem Gefühl, mitbestimmen zu können, und dem Vertrauen in die Regierung. Der Anteil derjenigen mit einem hohen Vertrauen in die Regierung ist unter denjenigen, die glauben, mitbestimmen zu können, viel höher als bei denjenigen, die daran zweifeln.
Ähnliches gilt für die Frage, wie transparent und evidenzbasiert politische Entscheidungen getroffen werden. Je mehr dies der Fall ist, umso stärker ist das Vertrauen der Regierung in die Bevölkerung.
Umgekehrt zeigt sich, dass die Angst, in nächster Zeit in wirtschaftliche oder finanzielle Engpässe zu geraten, die Bereitschaft, der herrschenden Regierung zu vertrauen, stark reduziert. Ansatzpunkte, um das Vertrauen in die Regierungen wieder zu stärken, wären also:
■ Direktdemokratische Elemente stärken: Wer nicht nur alle paar Jahre eine Regierungspartei wählen kann, sondern auch über Referenden und Initiativrechte zu Sachgeschäften Stellung nehmen darf, hat eher das Gefühl, mitbestimmen zu können, was die Regierung macht. Das stärkt die Resilienz einer Demokratie. Das hohe Vertrauen in die Regierung in der Schweiz und der damit verbundene stabil hohe Wohlstand kommen nicht von ungefähr, sondern haben auch mit den hierzulande besonders ausgeprägten Mitbestimmungsmöglichkeiten und der Konsenskultur zu tun.
■ Transparenz der Entscheidungen erhöhen: Einfach nachvollziehbare, kontrollierbare Prozesse und Entscheide, die mit Evidenz in Zusammenhang gebracht werden, stärken das Vertrauen in die Politik und wirken Verschwörungstheorien entgegen. Eine breite Transparenz ist auch wichtig als Mittel gegen durch soziale Netzwerke verstärkte Polarisierung.
■ Soziale Auswirkungen von wirtschaftlichen Schocks und Inflation ernst nehmen: Existenzängste reduzieren das Vertrauen in die Politik und erhöhen die Empfänglichkeit für autokratisch-populistische Verführer. Starke Teuerungsschübe, wie sie der Westen im Nachgang zur Pandemie erlebt hat, treffen die einkommensschwachen Schichten besonders hart. Das Gefühl, plötzlich in Engpässe zu geraten, weil das Leben zu teuer geworden ist, schürt politischen Unmut, der auch noch eine Weile anhält, wenn die Inflationsraten wieder gesunken sind. Wenn also funktionierende demokratische Systeme entscheidend sind, um Wohlstand zu sichern, aber mangelndes Vertrauen deren Stabilität gefährdet, so sollten Politik und Wirtschaft in den westlichen Industrieländern derzeit beunruhigt in die Zukunft blicken. Es gilt, mehr zu tun, um das Vertrauen in die Regierungen wieder zu stärken.
Die Angst, in nächster Zeit in wirtschaftliche oder finanzielle Engpässe zu geraten, reduziert die Bereitschaft stark, der herrschenden Regierung zu vertrauen. NZZ, 7. November 2024, S. 27