Deutschland drängt auf eine Ausweitung der Eurozone. Doch in Osteuropa winken viele Regierungen ab - aus gutem Grund.
VON TOMASZ KONICZ, POZNAN
Zum Jahreswechsel bekam die krisengeschüttelte europäische Währungsfamilie Zuwachs: Am 1. Januar trat das nur 1,34 Millionen EinwohnerInnen zählende Estland der Eurozone bei. Doch in den Jubel an den Euro- und Silvesterpartys mischte sich auch eine grosse Portion Skepsis. Während estnische SpitzenpolitikerInnen Optimismus verbreiten, ist die Bevölkerung laut Umfragen in zwei etwa gleich grosse Lager gespalten. Der Euro sei ein "komfortables und unsinkbares Schiff", sagte etwa der Flnanzminister Jürgen Ligi, es sei «gemütlich und warm in der Eurozone». Die euroskeptische Bewegung «Rettet die Krone» griff das Bild auf und pflasterte die Hauptstadt Tallin mit Plakaten zu: «Tere tulemast Titanicule!» war da zu lesen: Willkommen auf der Titanic.
Unerträgliche Zinslast
Neben der nationalistisch begründeten Sorge um die 1991 errungene staatliche Souveränität spielt auch die Furcht vor dauerhaftem Verlust geldpolitischer Handlungsspielräume eine Rolle. In den Krisenjahren 2008 und 2009, in denen die estnische Wirtschaft einen Einbruch von fast einem Fünftel des Bruttoinlandsprodukts erlebte, wurde in der Öffentlichkeit die Abwertung der Krone gefordert, um die Exportindustrie zu stützen. Das war aber schon damals nicht möglich - Estland sass bereits im «Wartezimmer» des Euro und war an den Mechanismus gebunden, der keine grösseren Schwankungen zwischen dem Euro und der Währung von BeitrittskandidatInnen erlaubt. Die BefürworterInnen der Gemeinschaftswährung argumentierten hingegen, dass gerade die feste Bindung der Krone an den Euro ausländische Direktinvestitionen ins Land locken würde, da Währungsschwankungen ausgeschlossen sind. Zudem hätten viele EstInnen während der Zeit, als im Baltikum die Immobilienspekulation blühte, die der Region vor Krisenausbruch eine Periode stürmischen Wachstums bescherte, Kredite und Hypotheken in Euro aufgenommen, da diese niedrigere Zinsen aufwiesen. Die Auslandsverschuldung in diesen Eurohypotheken erreichte einen Spitzenwert von 116 Prozent des Bruttoinlandsprodukts; eine Abwertung der Krone hätte die Zinslast ins Unerträgliche gesteigert.
Polen und Tschechien sträuben sich
Ähnliche Argumente für und wider einen Beitritt zur Eurozone werden in jenen mittelosteuropäischen Staaten angeführt, die sich mit dem Beitritt zur EU auch zur Übernahme des Euro verpflichteten. Dabei überwiegt die Euroskepsis insbesondere in den Ländern, die sich - wie Estland oder Lettland - vor Krisenausbruch nicht exzessiv verschuldet hatten. In der Slowakei, die Anfang 2009 der Eurozone beitrat, führte die Griechenlandkrise zum endgültigen Meinungsumschwung. Die Regierung in Bratislava weigerte sich im August 2010 sogar, 800 Millionen Euro zum Rettungspaket für Griechenland beizusteuern. Und im Dezember sorgte der slowakische Parlaments sprecher Richard Sulik für Schlagzeilen, als er sich in der «Hospodarske Noviny» für einen geldpolitischen «Plan B» aussprach: «Es ist höchste Zeit, dass die Slowakei aufhört, blind den Führern der Eurozone zu vertrauen, und einen Plan B vorbereitet - eine Rückkehr zur Slowakischen Krone.» Laut der tschechischen Tageszeitung «Lidove Noviny» vom 11.
Dezember 2010 drängt die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel die Regierungschefs von Polen und Tschechien, Donald Tusk und Petr Necas, seit Herbst zum baldigen Beitritt in die Eurozone. Deutschland wolle so den «verantwortlich wirtschaftenden Norden» gegenüber dem «verschwenderischen Süden» stärken. Doch es dürfte gerade das Beispiel der Handels- und Leistungsbilanzdefizite der südeuropäischen Euroländer gewesen sein, das Prag und Warschau zu einer Distanzierung gegenüber der Eurozone bewegte. Jedenfalls wäre für Necas die Übernahme des Euro zum jetzigen Zeitpunkt eine «ökonomische und politische Dummheit». Den Unwillen der polnischen Regierung, die weitaus diplomatischer formuliert, brachte der polnische Zentralbankpräsident Marek Belka auf den Punkt: Der Euro sei ein «ambitioniertes, aber unfertiges Projekt». Inzwischen haben auch Ungarn, Rumänien und Bulgarien ihre Pläne für einen baldigen Beitritt zur Eurozone auf Eis gelegt.
Und so weigern sich die Regierungen von Polen und Tschechien standhaft, einen Zeitrahmen für einen Eurobeitritt zu nennen. Ein Grund dafür sind die Erfahrungen, die die Volkswirtschaften dieser beiden Staaten in der Krise machten. Die Abwertung ihrer Währungen um bis zu dreissig Prozent hat die heimische Ökonomie vor einem Absturz bewahrt: Sie verteuerte vor allem die deutschen Importe und erleichterte die Ausfuhr polnischer und tschechischer Waren in den Euroraum.
Deutsche Dominanz
Und noch eine Erfahrung erklärt die Abwehr- haltung. Von der Osterweiterung der EU profi- tierte vor allem die deutsche Exportindustrie. In vielen Branchen – etwa im Verlagswesen oder im Einzelhandel - konnten deutsche Konzerne zwischen Baltikum und Schwarzem Meer eine dominante Stellung erringen. Und für den deutschen Automobil- und Maschinenbau wurde die Region zur «verlängerten Werkbank».
So entfielen 2008 mehr als acht Prozent aller deutschen Direktinvestitionen im Ausland auf die östlichen EU-Mitgliedsländer. Zum Vergleich: Nur 3,5 Prozent der Direktinvestitionen gingen nach Lateinamerika und gerade mal 2 Prozent nach China. Auch bei der deutschen Warenausfuhr liegt Mittel- und Osteuropa vorn. Mit 12,4 Prozent aller Exporte nahm die Region 2008 mehr deutsche Waren auf als die USA (7,2 Prozent), Russland (4,5 Prozent) oder China (3,4 Prozent). Ein Beitritt zur Eurozone, so die Befürchtung, würde diese Tendenz noch beschleunigen. WoZ, 3. Februar 2011, S. 11