Carel von Schaik, Verhaltensforscher und Evolutionsbiologe, sowie Kai Michel, Historiker und Literaturwissenschafter, versuchen vor dem Hintergrund der Geschichte der Menschheit von ihren Anfängen vor 300'000 Jahren bis heute Perspektiven zu entwickeln – für die notwendigen gesellschaftlichen Anpassungen angesichts der zahllosen Herausforderungen, denen wir uns gegenübersehen.
Sie starten mit der Feststellung, dass mit «dem Leben etwas nicht stimmt», ein Gefühl, das viele kennen: Die Welt scheint nicht so, wie sie sein sollte. Gewöhnlich würden solche Empfindungen bei Seite geschoben, um schnell wieder zur «Normalität» zurückzukehren. Dabei klagen Philosophen seit jeher über die «Absurdität des Lebens» (Camus) und die «Entfremdung des Menschen» (Marx), diagnostizieren ein «Unbehagen in der Kultur» (Freud) und fragen sich, ob nicht vielleicht ein «ursprünglicher Fluch» auf dem Heute laste (de Beauvoir). Van Schaik und Michel wollen mit Ihren Ausführungen diese Gefühle erklären: die Menschen leben gemäss den Autoren in einer von ihnen geschaffenen Welt, die ihren evolutionär entstandenen Eigenschaften und Bedürfnissen, welche die Menschen während 98% ihrer 300 000-jährigen Geschichte auslebten, nicht entspricht.
Die Vorgänger der Menschen haben sich durch die Evolution bis zur Menschwerdung mittels gewisser biologischer Merkmale an gewisse Lebensumstände angepasst (aufrechter Gang, Entwicklung der Hände und des Gehirns, Kommunikation und Wissensvermittlung mittels Sprache). Sie lebten während 98% der Menschheitsgeschichte in kleinen Gruppen, die sich durch Sammeln und Jagen ernährten. Dies erforderte auch gewisse gesellschaftliche Eigenschaften, welche fürs Überleben nötig waren: sie mussten z.B. bei der Jagd kooperieren. Da die Jäger und Sammler nomadisch unterwegs waren, konnten sie keinen bedeutenden Vorräte anlegen und teilten jeweils erbeutete Nahrungsmittel. Man erwartete umgekehrt, dass die anderen auch teilten. Entsprechende mittelfristige Ausgeglichenheit wurde als wichtig betrachtet. Zwischen den Geschlechtern herrschte praktisch Gleichgestellung, die entsprechende geschlechtliche Arbeitsteilung (eher Jagd bzw. eher Sammeln) galt der Absicherung der Nahrungszufuhr: die Abhängigkeiten waren gegenseitig. Hierarchien waren flach: leicht höhere Stellungen wurden von Gruppenmitgliedern erlangt, die für das Überleben der Gruppe grössere Leistungen erbrachten. Die Stellung blieb von entsprechenden Leistungen abhängig. Die Jäger und Sammler ordneten sich nur temporär zur Verfolgung gewisser Ziele unter (z.B. Organisation der Jagd) und waren auf Augenhöhe zu den übrigen Gruppenmitgliedern bedacht. Den Gruppen-Mitgliedern war das, was die anderen von ihnen dachten, wichtig – ein Umstand, der Kooperation und Konformismus fördert, beides nötig fürs Überleben.
Neben diesem eher freundlichen, aber etwas zu konformistischen Gesicht gibt es auch weniger vornehme Züge: ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber Nichtgruppenmitgliedern (Freund-Feind-Denken), das Handel und Austausch aber nicht ausschliesst. Aggression und Gewalt ist bei allen Primaten ein hervorstechendes Merkmal ihrer Gesellschaften und Ausdruck von Konkurrenz. Sie sollen helfen, andere von einer knappen Ressource auszuschliessen. Durch den gemeinsamen Nahrungserwerb entfiel diese Art von Konkurrenz innerhalb der Gruppen beim Menschen. Nur Kooperation ermöglichte das Überleben. Aggression innerhalb der Gruppe ist bei den Menschen entsprechend viel seltener als bei anderen Primaten und wird geächtet. Zwischen den Gruppen sah das aber oft anders aus. Vorsichtige Neugierde und auf Austausch gerichtetes Interesse kann in Aggression umschlagen: «Der Homo sapiens ist im Konfliktfall erstaunlich schnell damit, Gegner zu entmenschlichen und alle Tötungshemmungen aufzugeben, die normalweise gegenüber Vertretern der eigenen Art bestehen» (S. 143). Insgesamt zeichnen die Autoren das folgende Bild der Menschen, das sich aus der Notwendigkeit der Kooperation ergibt: nützliche Eigenschaften sind u.a. ein Sinn für Fairness und Gemeinschaft, Empathie, eine Art natürliche Moral, die das zwischenmenschliche Miteinander reguliert, das Streben nach einer guten Reputation, aber auch ein ausgeprägtes Gruppendenken.
Die bisherigen beschriebenen Eigenschaften des Menschen betrachten die Autoren als angeboren (genetisch bedingt) und nennen sie die erste Natur des Menschen. Dabei betonen sie, dass die genetische Bedingtheit nicht darin besteht, dass konkrete Handlungen determiniert sind. Genetisch bedingt sind eher spezifische Dispositionen (z.B. die Fähigkeit, Sprachen zu erlernen und zwecks Arbeitsteilung und Informationsvermittlung zu verwenden. Erlernt wird dann die konkrete Sprache des Umfeldes). Angeboren ist gemäss Van Schaik und Michel das, was sie als anthropologische Konstanten betrachten. Man stellt sich allerdings die Frage, was es bringt, diese anthropologischen Konstanten biologisch zu verankern. Informativer wäre es, nachzuweisen, dass diese wirklich in allen Gesellschaften vorkommen. Dabei ergeben sich für vergangene Gesellschaften besondere Probleme, da die Daten meistens fehlen. Was Van Schaik und Michel über die Jäger und Sammler schreiben, wirkt oft ziemlich spekulativ. Es ist zwar möglich, dass es empirisches Material gibt, das ihre Darstellungen stützt. Entsprechende Nachweise fehlen aber weitgehend. Eine entsprechende empirische Darlegung wäre nützlicher als eine biologische Verankerung: diese ist nämlich ebenfalls weitgehend spekulativ, solange man nicht weiss, wie Dispositionen, wie z.B. die zum Spracherwerb und zur sinnvollen Sprachnutzung, genetisch gesteuert werden. Dabei ist zu betonen, dass Van Schaik und Michel der Kultur (Sprache, soziale Institutionen, Wissen, Fertigkeiten, etc.) grosse Bedeutung zumessen. Biologisch ist nur die Disposition zur Kultur, nicht die Kultur selbst und es ist die Kultur, die uns weitgehend bestimmt.
Damit kommen wir zu dem , was Van Schaik und Michel die zweite Natur des Menschen nennen. Es handelt sich im Wesentlichen um die Handlungs- und Denkweisen der Menschen, die kulturell erworben wurden (Religionen, Verhalten in Gesellschaften, Rituale, Werte, Normen, Fertigkeiten, Wissen, etc.). Zwar gibt es im Tierreich auch Arten, welche zufällig Fertigkeiten entdecken (z.B. das Waschen von Knollen, das deren Fressen angenehmer macht). Diese Fertigkeiten werden auch weitergegeben, indem die Jungtiere das entsprechende Verhalten nachahmen. Im Unterschied zum Menschen wird aber nicht aktiv nach Lösungen für Probleme gesucht und diese Lösungen werden nicht durch gezielte Wissensvermittlung weitergegeben. Die Variabilität der «zweiten Natur» ist enorm, da diese von der menschlichen Kreativität und Erfindungsgabe abhängt.
Ein Beispiel für die zweite Natur ist gemäss Van Schaik und Michel die Achtung von persönlichen Besitztümern: ursprünglich hatten die Sammler und Jäger wenig Besitztümer und was sie besassen, trugen sie am Körper oder hatten es in der Nähe. Land war nicht privatisiert. «Noch heute gehen kleine Kinder spontan in Häuser anderer Leute und glauben, sie könnten sich nehmen, was sie möchten.» (S. 82). Entsprechendes Verhalten entspricht der ersten Natur. In historisch späteren Gesellschaften müssen die Kinder die Achtung vor dem Besitz anderer lernen. Hat man diese Regeln einmal als zweite Natur verinnerlicht, kann man sich kaum mehr vorstellen, dass es anders sein könnte. Gemäss Van Schaik und Michel ist die zweite Natur, obwohl kulturell gegeben, oft gegenüber Veränderungen träge, auch wenn deren Inhalte nicht mehr angemessen sind (cultural lag). Die zweite Natur wird in der Menschheitsgeschichte dominierend, sobald die Menschen sesshaft werden. Es wird das Eigentum an Boden und den produzierten Lebensmitteln eingeführt. Eigentum existiert allerding nur, wenn Zwangsmittel entwickelt werden, um die entsprechenden Rechte durchzusetzen. Eigentum und die frühen Autokratien entstehen gemeinsam. Dadurch entwickeln sich auch eine massive Ungleichstellung der Menschen in solchen Systemen, die der ersten Natur zuwiderläuft. Die oben erwähnten eher negativen Aspekte der ersten Natur (Abgrenzung gegen aussen, Mobilisierung durch Entwicklung von Feinbildern) wird machtpolitische gebraucht, um die Menschen einzubinden. Eigenschaften wie das Streben nach Reputation werden nun dadurch (schein)-befriedigt, indem man Güter anhäuft oder in Machthierarchien hohe Positionen erwirbt. Es werden Religionen entwickelt, um die Missstände zu rechtfertigen.
Die dritte Natur definieren sie als die «Vernunftnatur». Sie greift nicht auf biologisch oder kulturell programmierte Reaktionsmuster zurück. Sie ist Problemlösungsinstrument der Menschen und bedient sich der Logik und der Argumente. Beispiele für die dritte Natur sind z.B. all jene Dinge, die wir nur widerstrebend tun, obwohl wir wissen, dass sie gut für uns sind, z.B. sich gesund ernähren, Alkohol meiden, regelmässig Sport treiben, sich ans Geschwindigkeitsbegrenzungen halten, nicht über politisch unkorrekte Witze lachen, Arbeiten nicht im letzten Moment erledigen, etc. Erkenntnisse der dritten Natur stehen oft im Widerstreit zur ersten oder zweiten Natur.
Die Autoren wollen nicht in die Zeit vor der Sesshaftigkeit zurück. Es geht ihnen darum, Eigenschaften zu beschreiben, die zur ersten Natur gehören und die für die Lösung gesellschaftlicher Probleme nützlich sein könnten. Ein realistisches Menschenbild, das die Menschen weder verteufelt noch allzu naiv ist, ist für die Entwicklung realistischer Lösungen wichtig. Sie lehnen die zweite und dritte Natur nicht ab. Die zweite Natur ist so zu entwickeln, dass sie künftigen Lösungen nicht im Wege steht und diese vielmehr unterstützt. Die dritte Natur brauchen wir, um sinnvolle Lösungen zu finden. Sie vertreten nicht präzise Zukunftsprojekte, fordern aber auf Grund ihrer Analyse mehr Demokratie, flache Hierarchien, möglichst viel Einfluss aufs eigene Leben, etc. Dies ist durch offene, demokratische Lernprozesse und nicht durch Revolutionen zu erreichen.
Carel van Schaik & Kai Michel (2023), Mensch sein: von der Evolution für die Zukunft lernen, Hamburg: Rowohlt.
