Der Artikelsammelband behandelt nicht nur die Migrationspolitik der einzelnen Westeuropäischen Länder, sondern auch die der Osteuropäischen Länder, wobei bei diesen oft die Emigration im Vordergrund steht. Die Artikel, die von Wissenschaftlern der einzelnen Länder verfasst wurden, geben einen Einblick in die doch zum Teil recht grossen Unterschiede bezüglich der Migrationspolitik. Holland etwa verfolgte während etlicher Zeit einen multikulturellen Ansatz der Immigration ,auf Zeit". Auf Grund der als hoch betrachteten Bevölkerungsdichte sah sich Holland bis Anfangs der 80er Jahre nicht als Einwanderungsland. Arbeitskräfte, so nahm man an, würden nur auf Zeit nach Holland kommen. Während dieser Zeit sollten die ,Gäste" ihre kulturelles Erbe erhalten und sich in eigenen Institutionen organisieren. Ihre Interessen sollten sie in die holländische Gesellschaft durch Vertreter dieser Institutionen einbringen. Entsprechende Institutionen wurden vom Staat subventioniert. In diesen Anstrengungen spiegeln sich die Tradition der Niederlande als multikulturelle Gesellschaft mit ihrer institutionalisierten sozialen und religiösen Verschiedenheit wieder. Anfangs der 80er Jahre ergab sich dann allerdings eine Politik hin zu mehr Integration. Einerseits stellte man fest, dass die Vorstellung von der Immigration auf Zeit eine Illusion war, andrerseits ergaben sich Probleme mit einer gewissen Gettobildung (Unkenntnis des Holländischen nach Jahrzehnten der Anwesenheit).
Der Artikel über die Schweiz entstammt den Federn von Peter A. Fischer und Thomas Straubhaar. Sie beschreiben die schweizerische Migrationspolitik aus einer national-neo-liberalen Warte: ,Einerseits wird es darum gehen, klare, transparente und durchsetzbare Spielregeln für den Eintritt und den Aufenthalt festzulegen (Inklusion). [..] Die Inklusion sollte sich primär an wirtschaftlichen Kriterien orientieren. Dies erfolgt im Interesse der einheimischen Bevölkerung. Richtgrösse ist das ökonomische Effizienzziel"(S. 204). Das Saisonnier-Statut lehnen sie entsprechend vor allem aus ökonomischen Gründen ab. Seine andauernde Beibehaltung schreiben die Autoren der direkten Demokratie zu: ,Denn anders als in repräsentativen Demokratien könnten in der Schweiz Interessengruppen ständig mitbestimmen" (S. 206). Diese Argumentation ist eher seltsam - auch in repräsentativen Systemen gibt es einflussreiche Interessengruppen. Ohne empirische, vergleichende Untersuchungen und entsprechenden Messverfahren sind solche Aussagen als unwissenschaftlich zu betrachten. pr.
Heinz Fassmann, Rainer Münz (Hg.), Migration in Europa, Historische Entwicklung, aktuelle Trends, politische Reaktionen, Frankfurt, Campus, 1996.
