Schweizer Aussenpolitik in der Nachkriegszeit

Die vorliegende Artikelsammlung setzt sich im wesentlichen aus einem Dutzend Referaten zusammen, die am Historikertag 1995 zur schweizerischen Aussenpolitik gehalten wurden. In Thomas Mosers Artikel "Die Interessen der Schweiz am Schumanplan" geht es um das Verhältnis der offiziellen Schweiz zum Schumanplan. Der Schumanplan hat zur Gründung der Montanunion geführt, die dann schliesslich zur EU geworden ist. Der Artikel ist inhaltlich sachlich, hat aber eine deutlich wertende Haltung, die vom Autor nicht thematisiert wird. Die ablehnende Haltung der offiziellen Schweiz gegenüber dem Schumanplan kritisiert Moser mit Ausdrücken wie "trotziges Abseitsstehen". Demgegenüber ist es auffällig, mit welch freundlichen Worten die Montanunion umschrieben wird. Moser nennt sie beschönigend das "europäische Friedens- und Aufbauwerk". Bemerkenswert ist dies auch deshalb, weil an anderer Stelle im Text die machtpolitische Dimension des Schumanplans recht nüchtern beschrieben wird. Laut Moser verfolgte Frankreich mit dem Schumanplan den "Wiederaufbau seiner Grossmachtstellung." Erstens wollte Frankreich nicht, dass Deutschland alleine über seine Grundstoffindustrien verfügen konnte. Zweitens ging es darum, "durch die Zusammenlegung der Produktion und Distribution kriegsentscheidender Rohstoffe den Frieden zu sichern". Drittens versuchte Frankreich durch die Mitverfügung über deutsche Kohle seine eigene Industrie zu stärken. Viertens wollte Frankreich für seine Dekolonisationsprobleme auf europäischer Ebene Lösungen einfordern können. Insgesamt ging es laut Moser darum, dass die "Reeuropäisierung der französischen Grossmacht unter Wahrung grösstmöglicher nationaler Allokationskompetenzen vollzogen und abgesichert werden" sollte. Interessant ist der Hinweis darauf, dass die SPS zwar wie alle anderen Parteien gegen eine Partizipation am Schumanplan eingestellt war, diesem aber im Vergleich zu anderen Parteien am wohlsten gesonnen war.

Eric Flury-Dasens Artikel behandelt die Union européenne des fédéralistes und die Europa Union. Es geht um "Grenzen und Möglichkeiten des Einflusses von europaföderalistischen Verbänden in der Schweiz". Die Europa Union war der Schweizer Ableger der Union européenne, dem Dachverband privater europaföderalistischer Organisationen aus elf westeuropäischen Ländern. Beide genannten Organisationen fordern ein Bundesstaatsmodell für Europa. Ob in deren Diskussionen tatsächlich basisdemokratische Prinzipien aufschienen, wie dies Flury-Dasen behauptet, wäre noch genauer zu klären. Interessant ist, dass man sich für ein Europa als "Dritte Kraft" zwischen den USA und der UdSSR einsetzte und dass man darauf Wert legte, dass die angestrebte europäische Föderation "Teil einer Weltföderation sein müsse, um nicht einem europäischen Nationalismus zu verfallen".

Die meisten Artikel des Bandes sind aus einer deutlich wertenden Sicht geschrieben, ohne dass die Wertungen explizit gemacht werden. Dieses Problem wird begrüssenswerter weise zumindest von Judith Garamvölgyi angesprochen. In ihrem Beitrag "Fallstricke einer gegenwartsorientierten Fragestellung" schreibt sie "Prinzipiell ist zwar gegen eine gegenwartsbezogene Fragestellung nichts einzuwenden, bloss, sie bedarf besonders gründlicher Reflexion." Sie weist darauf hin, dass die schweizerische Neutralitätspoltik in Osteuropa teilweise auf sehr viel Sympathie traf und dass die Schweiz sich zu gewissen Teilen auch bewusst der Blockbildung entzogen hat. "Insofern darf betonte Neutralität nicht bloss als Isolationismus [...] missverstanden werden; ihr kam auch, zumindest in der Wahrnehmung interessierter Zeitgenossen, noch 1947 eine gewisse die Blockbildung hinhaltende Funktion zu." Garamvölgyi kritisiert zu Recht, dass die Annahme eines "Fehlstarts" der Schweizer Aussenpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg sich "nur zu offensichtlich aus der gegenwärtigen Problemlage" nährt. Dieser Aussage bleibt hinzuzufügen, dass aus der "gegenwärtigen Problemlage" nicht zwingend jene Haltung folgt, die den Historikertag geprägt hat (Im Buch werden übrigens auch die ersten Schritte der Schweizer UNO-Politik behandelt). Alex Schärer

Georg Kreis (Hrsg.), Die Schweiz im internationalen System der Nachkriegszeit 1943 * 1950, Allgemeine Geschichtsforschende Gesellschaft der Schweiz, Basel 1996.

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