Der Widerspruch 78 widmet sich dem Thema der Wahrnehmung von Krisen. Apokalyptische Deutungen der Gegenwart haben Konjunktur, wobei sowohl Ursachen als auch Folgen der gegenwärtigen Probleme wie der Erderwärmung, der Corona-Pandemie, Armut, Krieg und Flucht regelmässig ausgeblendet werden und den Anschein einer naturgegebenen Schicksalshaftigkeit erhalten. Die Wahrnehmung der Probleme verläuft zyklisch, eine Katastrophe jagt medial die andere, wobei durch die Konzentration auf ein Problemfeld viele andere wenigstens zeitweise aus dem öffentlichen Interesse geschoben werden. Damit haben technokratische Scheinlösungen ein leichtes Spiel: etwa die Forderung nach einem «grünen» Kapitalismus. Es handelt sich um den Versuch, den Kapitalismus einer Verjüngungskur zu unterwerfen, um eine grüne Akkumulationsrunde zu starten, die aktiv zur weiteren Zerstörung beiträgt. Dabei sind die Gefahren nicht zu leugnen. Kontraproduktiv ist aber eine Deutung, welche die Zukunft unter der Vorgabe von kapitalisierbaren Geschäften interpretiert.
Die Themen im Heft sind vielfältig: Wahrnehmung der Zukunft (Bilderverbot), Migration, Kurden, Klima, Explosionen im Bergbau und in der Chemieindustrie, Krise der internationalen Zusammenarbeit, Skandal des täglichen Hungers, die Bedienung von Katastrophen durch humanitäre Hilfe, etc.. In einem Diskussionsteil wird nochmals die Modern Monetary Theory (s. erste Buchbesprechung in diesem Heft) aufgenommen, die im Widerspruch 77 breit diskutiert wurde. Verschiedene Artikel widmen sich der Corona-Pandemie und deren Auswirkungen – Schule, Vernunft und Unvernunft (soziale Bewegungen), die Rolle der Wissenschaft oder der Pharmaindustrie.
Widerspruch 78 (2022), Vermessung der Katastrophe, Zürich: Rotpunktverlag
