"Es ist nur natürlich, dass der östliche Teil des Kontinentes uns für die nächsten Jahre beschäftigen wird, da die Deutschen dies als ihre historische Aufgabe betrachten. Die höchste Priorität besteht im Versuch, ganz Europa zu integrieren. Während es für Frankreich vor allem darum geht, mit seinem Einflussverlust in der Welt zu Rande zu kommen" Immo Stabreit, früherer deutscher Botschafter in Paris, International Herald Tribune, 11-12 September 1999
Von Anthony Coughlan, Anthony Coughlan ist Professor für Sozialpolitik am Trinity College in Dublin, Irland. Er ist Vorstandsmitglied der European Anti-Maastricht Alliance(TEAM) und Sekretär der EU-kritischen "National Platform" in Irland. Die National Platform versucht, Demokraten und Internationalisten zur politischen Linken und Rechten zu organisieren, soweit diese gegen die EU-Integration und die Bildung eines EU-Superstaates sind.
Die Strategie der kleinen Schritte
Alles fing mit dem Vertrag von Rom (1957) an, der die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) - einen gemeinsamen Markt - mit einem hoch geschützten Agrarsystem verband. Dann wurde für 30 Jahre kein neuer Vertrag abgeschlossen. Daraufhin kamen vier neue Verträge in genau 10 Jahren, ein qualitativer politischer Quantensprung, der das, was ursprünglich eine wirtschaftliche Freihandelszone war, hin zu einem embryonalen Weltmachtstaat veränderte. Die Europäische Einheitsakte 1987, Maastricht 1992, Amsterdam 1998 und nun der "Vertrag von Nizza", der im Dezember 2000 reif für die Unterschrift sein soll. Auf diesen Vertrag wird, wie bereits von Frankreichs Chirac und Deutschlands Schröder und Fischer angekündigt, der endgültige Vertrag folgen, der das föderative Gebilde krönen soll. Eine europäische Verfassung für den EU-Superstaat.
Das bürokratische, institutionelle Monster, das die EU bis heute wurde, bedroht die grundlegenden demokratischen Rechte beinahe jedermanns auf unserem Kontinent. Die EU beinhaltet die Zerstörung der Demokratie beinahe aller, seit langem etablierten Staaten Europas. Sie repräsentiert die Auflösung des demokratischen Erbes der französischen Revolution, insbesondere das Recht der Nationen und Völker auf Selbstbestimmung. Dieses berühmte Recht ist nunmehr als grundlegendes Prinzip des internationalen Rechts in der Charta der Vereinigten Nationen anerkannt. Nationale Unabhängigkeit und demokratische Selbstbestimmung stehen jedoch im Gegensatz zum System des Finanzfeudalismus und der supranationalen Bürokratie, wie es die EU darstellt.
Denn die EU ist ein Europa ohne Demokratie, im Dienste riesiger transnationaler Unternehmungen und supranationaler Technokraten. Seine Ideologen sind die sozialwissenschaftlichen und mediokratischen Eliten auf nationaler und EU-Ebene. Deren demokratischen und humanen Instinkte haben sich angesichts der Macht in Pudding aufgelöst. Die Völker Europas hätten nie zur gegenwärtigen EU-Konstruktion Ja gesagt, wenn sie im Voraus gewusst hätten, wo das ganze hinführen sollte - zu einer Art Euro-Superstaat, in dem ihre Demokratien aufgelöst würden. Die Administratoren und die Ideologen, welche den EU-Integrationsprozesses glühend verfechten, waren immer vorsichtig in Bezug auf eine klare Offenlegung ihrer Ziele. Diese Leute sind Meister der Strategie der kleinen Schritte. Lasst uns zuerst die Kohlen- und Stahlindustrie Frankreichs und Deutschlands gemeinsam verwalten, um einen nächsten europäischen Krieg zu verunmöglichen. Um vollen Nutzen aus dem integrierten Kohlen- und Stahlmarkt zu ziehen, brauchen wir einen gemeinsamen Markt. Um vollen Nutzen aus dem Römer Vertrag zu ziehen, brauchen wir einen einzigen Binnenmarkt, mit auf breiter Ebene harmonisierten Regeln für Güter, Dienstleistungen, Kapital und Arbeit. Dies führte zum Vertrag mit dem merkwürdigen Titel "Europäische Einheitsakte". Um vollen Nutzen aus dem Binnenmarkt zu ziehen, brauchen wir eine Einheitswährung. Das war Maastricht. Um vollen Nutzen aus der Euro-Währung zu ziehen, brauchen wir eine Union mit einer juristischen Person, mit einer gemeinsamen Aussen- und Sicherheitspolitik und einer EU-Armee, die den Willen der Union ausserhalb der EU-Grenzen durchsetzen kann. Die politische Union ist nötig, um vollen Nutzen aus der Wirtschafts- und Währungsunion zu ziehen. Dies wurde teilweise im Amsterdamer Vertrag erreicht. Nun brauchen wir den "Vertrag von Nizza", um Ost- und Südeuropa einzubinden und um diese Staaten auch formal unter die gemeinsame Hegemonie Deutschlands und Frankreichs zu bringen. Und schon sprechen die Politiker vom nächsten Vertrag - nach dem "Vertrag von Nizza". Dies soll der Vertrag werden, der eine formale Verfassung für den neuen EU-Staat einführt, um die dauerhafte deutsch-französische Herrschaft im Rahmen eines hoch-zentralisierten Quasi-Bundesstaates EU abzusegnen: ein modernes karolingisches Reich, als dessen Bürger sich die Leute plötzlich wiederfinden werden, ohne je voll realisiert zu haben, wie sie dorthin gekommen sind.
Angriffe auf die Demokratie lösen selbstverständlich Reaktionen hervor. In ganz Europa realisieren die Leute allmählich, was ihnen an Demokratie und Unabhängigkeit geraubt wurde und dass sie eigentlich nichts mehr zu sagen haben. Alle wichtigen Entscheidungen werden hinter verschlossenen Türen in Brüssel und Frankfurt getroffen - und in den Chefetagen der EU-Multis. So wie die Menschen den Wert der Gesundheit erst bemerken, wenn sie krank sind, realisieren sie den Wert der Demokratie nur, wenn sie diese verloren haben. Dann wird der Kampf, um sie wieder zu erlangen, lang und hart werden. Es ist zweifellos so, dass eine starke Reaktion gegen die EU nun über Europa hinweg wächst. Das nächste Schlachtfeld für die Demokratie wird der "Vertrag von Nizza" sein. Der "Vertrag von Nizza" wird sechs Hauptthemen zu regeln versuchen:
EU-Erweiterung . . . Neugewichtung der Stimmen:
Die Mächtigen in der EU sorgen sich vorerst um ihr Gewicht angesichts einer möglichen EU-Erweiterung auf 18, 20, 25, ja vielleicht sogar 30 Staaten - sofern all jene Beitrittskandidaten aufgenommen werden, deren Regierungen, in Verzweiflung ob ihrer Unfähigkeit, richtige, unabhängige Demokratien aufzubauen, EU-Beitrittsgesuche hinterlegt haben, wohl um der Verantwortlichkeit gegenüber ihren Wählern zu entgehen. Die politischen Eliten der Beitrittskandidaten träumen davon, innerhalb der EU bei den Regierungsgeschäften mitmachen zu können, statt sich mit den schwierigen Problemen ihrer eigenen Länder herumschlagen zu müssen. Eine nette Illusion fürwahr, denn Deutschland und Frankreich, welche die gegenwärtige EU dominieren, haben nicht die geringste Absicht, einer Schar von kleinen und armen Ländern Ost- und Südeuropas zu erlauben, sie zu überstimmen und die Politik auf der Grundlage formeller EU-Gleichheit zu bestimmen. Das Thema ist für die deutsch-französische Politik im Rahmen des "Nizza-Vertrages" zentral. Die Machtbeziehungen kristallisieren sich um das Thema der Stimmengewichtung in den Ministerräten, welche die Legislative der EU darstellen.
In den Ministerräten erlassen nationale Politiker, die in ihren eigenen Ländern Mitglieder der Exekutive sind und die einer gewählten Mehrheit in ihren nationalen Parlamenten verantwortlich sind, EU-Gesetze und Erlasse - hinter verschlossener Türe. Dies für 15 Länder, und sie sind niemandem als Kollektiv verantwortlich. Gegenüber der länger werdenden Schlange von EU-Beitrittskandidaten vertreten Deutschland, Frankreich, Italien und Grossbritannien - die bevölkerungsstärksten Staaten - die Meinung, ihre grossen Bevölkerungen rechtfertigten eine stärkere Gewichtung ihrer Stimmen. Sie betonen, künftig könne nichts mehr beschlossen werden, ohne dass die Staaten, welche die Mehrheit der 300 Millionen Einwohner der Union repräsentieren, damit einverstanden sind. Wenn die grösseren Staaten etwas wollten, dürfen sie nicht durch bevölkerungsmässige Zwerge blockiert werden. Vorschläge für deutsch-französische Sperrminoritäten, die durch die Bevölkerungsgrösse gerechtfertigt werden, schaffen selbst bei langjährigen Mitgliedern wie den Benelux-Staaten und Irland Ängste. Dieses zentrale Thema der Nizza-Verhandlungen wird vermutlich erst in letzter Minute entschieden werden. Wenn es nicht bis in den Dezember beigelegt wird, wird es keinen Nizza-Vertrag geben und man wird statt dessen von einem Stockholmer oder Goeteborger Vertrag sprechen, da Schweden im Januar die EU-Präsidentschaft übernehmen wird. Deshalb sollte man vorläufig "Vertrag von Nizza" in Anführung setzen.
Vermutlich werden die meisten ost-europäischen Beitrittskandidaten für viele Jahre vor der Türe gelassen. Deutschland, Frankreich und die übrigen EU-Staaten haben eine ziemlich ambivalente Haltung gegenüber der Erweiterung, obwohl sie diese öffentlich befürworten. Die EU möchte die Beitrittskandidaten dabei haben, ohne sie dabei zu haben. In einem gewissen Sinne haben die Westeuropäer die Ost- und Südeuropäer gegenwärtig in einer idealen Position. Die Regierungen der Beitrittskandidaten haben sich selber in die Position der pathetischen Bittsteller manövriert. Sie haben der weitgehenden Aufgabe der Demokratie im Prinzip zugestimmt, um der EU beitreten zu können, während sie vermutlich für lange Jahre ohne jeglichen Einfluss auf die EU-Politik dastehen. Sie sind durch diese Politik wegen des Beitrittskurses betroffen und doch zum Warten verdonnert. Sie sind betört durch die Phantasievorstellung, Europa neben Deutschland und Frankreich mitgestalten zu können. Die Regierungseliten der Beitrittskandidaten vergeuden ihre Zeit damit, die 20'000 EU-Gesetze und -Verordnungen in ihre Gesetzgebung (ca. 100000 Seiten juristischer Texte) umzusetzen, ohne dass sie das Recht hätten, daran ein Jota zu ändern. Zugleich sind sie prinzipiell einverstanden, ihre eigenen Währungen aufzugeben, selbst wenn diese in vielen Fällen nicht mehr als 10 Jahre alt sind. Die nationalen Eliten der Beitrittskandidaten wälzen sich in Rhetorik bezüglich "Europäischer Werte" (Auschwitz, zwei Weltkriege, Kolonialismus?) während ihre Bevölkerungen jeden Tag mehr enttäuscht darüber sind, bis zu welchem Grad ihre Regierungen ihre Demokratie und Unabhängigkeit aufgeben wollen. Es wäre für einen politischen Realisten töricht, angesichts dieser Fakten zu erwarten, die gegenwärtige EU der 15 Staaten würde sich auf 18, ja gar auf 20, 25 oder 30 Staaten erweitern.
"Flexibilität" - der Weg zu einer Zwei-Drittel-EU, beherrscht durch einen harten Kern mit einer bundesstaatlichen Verfassung.
Wenn Deutschland und Frankreich wünschen, Ost- und Südeuropa mittels der EU zu beherrschen, ohne das Risiko eingehen zu müssen, eine Schar kleiner und ärmerer Beitrittskandidaten als formal Gleichberechtigte in den Ministerrat aufnehmen zu müssen, gibt es dazu keinen besseren Weg als den einer Kerngruppe. Sie können so eine Art föderalen Superstaat unter sich gründe mit einer eigenen Verfassung, Parlament, Währung und Armee. Diese Kerngruppe kann dann ständig die übrigen mit vollendeten Tatsachen konfrontieren und sie effizient politisch und wirtschaftlich beherrschen.
Dies ist der Hintergrund der neulichen Chirac-Fischer-Schröder Forderungen nach einer EU-Verfassung. In Joschka Fischer's berühmt-berüchtigten Rede von Mai 2000 verlangte der deutsche Aussenminister "den Übergang vom Staatenverbund der Union hin zur vollen Parlamentarisierung in einer Europäischen Föderation, die Robert Schuman bereits vor 50 Jahren gefordert hat. Und d.h. nichts geringeres als ein europäisches Parlament und eine ebensolche Regierung, die tatsächlich die gesetzgebende und die exekutive Gewalt innerhalb der Föderation ausüben. Diese Föderation wird sich auf einen Verfassungsvertrag zu gründen haben". Die deutsch-französischen Politiker unterscheiden sich im Tonfall, ihr gemeinsames Thema ist jedoch die ständige Bezugnahme auf das, was sie variantenreich als "Avant-Garde", "Pionier-Gruppe", "Koalition der Willigen", "Kerngruppe" usw. beschreiben. Dies ist die Zwei-Drittel-Formel, mit Deutschland, Frankreich und ein paar weiteren Staaten im obersten Drittel. Dieser embrionale EU-Superstaat muss, wie alle Staaten, eine Verfassung haben.
Die zwei wesentlichen Attribute eines Staates sind die Armee und die Währung, das Monopol auf legale Gewaltanwendung über ein Territorium und das Monopol, die legalen Träger einer Währung herauszugeben. Das erste Monopol ist für das zweite wesentliche. Alle Staaten haben ihre eigene Währung und alle Währungen gehören zu Staaten. Die EU erhielt ihre eigene Währung mit dem Euro. Dadurch machte sie einen grossen Schritt hin zum souveränen Staat. Im Jahre 2003 wird sie ihre eigene Armee haben: "Schnelleingreiftruppen" mit 60'000 Mann, unterstützt durch eine Hilfskraft von 150'000 weiteren Soldaten, die in Kriegen ausserhalb der EU-Grenzen eingreifen sollen, mit oder ohne Mandat der UNO. Wenn solche riesigen Schritte innerhalb weniger Jahre vorgenommen werden, sollte der Entwurf und die Durchsetzung einer Europäischen Verfassung nicht ein allzu grosses Problem darstellen.
Das grundlegende legale Hindernis für eine Zwei-Drittel-EU besteht darin, dass der Amsterdamer Vertrag die Zustimmung aller anderen verlangt, wenn einige EU-Staaten die Integration weiter vorantreiben wollen. Und nicht alle EU-Mitgliedstaaten sind darüber glücklich, sich später jeweils fertigen Tatsachen gegenüber zu sehen, die durch die "Avant-Garde" entschieden wurden. Deshalb besteht ein hauptsächliches Anliegen der Regierungskonferenz darin, die Einstimmigkeitsregeln des Amsterdamer Vertrages in diesen Fragen formal aufzuheben. Dann wäre die "Avant-Garde" rechtlich ermächtigt, alleine die Integration voranzutreiben. Im EU-Jargon wird dies "Flexibilität" genannt. "Flexibilität" tönt ungefährlich. In der Tat wird dadurch jedoch der Weg für eine Zwei-Drittel-EU eröffnet, die durch den deutsch-französischen inneren Kern dominiert wird. "Flexibilität" ist ein Schwungrad für mehr Integration, das es Staaten, die den Bundesstaat wollen, erlaubt, das Terrain vorzubereiten und später die weniger willigen zu zwingen, nachzuziehen. Es ist der gesetzlich-politische Weg hin zum EU-Superstaat und bedeutet, dass manche Mitgliedstaaten formell darauf verzichten, in wichtigen politischen Bereichen wie die anderen behandelt zu werden. Ob die weniger integrationsfreudigen Länder hier nachgeben oder nicht - es ist ein wesentlicher Punkt des "Vertrages von Nizza". (für Fortsetzung "more" anklicken)
