Dichtestress – das ist eines der grossen politischen Schlagworte der Schweiz. Viele Bewohner fühlen sich eingeengt: Auf den Strassen der Agglomerationen herrscht aus ihrer Sicht zu viel Stau, im Zug ist der Platz in den Stosszeiten knapp. Und die hohe Zuwanderung ist einer der Gründe, warum Wohnen im Land teilweise so teuer geworden ist.
Tatsächlich ist die Schweiz einer der stärksten Magnete für EU-Bürger in Europa, obwohl sie dem Staatenbund gar nicht angehört. Prozentual zur Bevölkerung sind 2024 – neuere Zahlen gibt es noch nicht – nur nach Luxemburg und Malta mehr EU-Bürger migriert als in die Schweiz. Erweitert man den Kreis um die Efta-Staaten, hatten auch Island und Liechtenstein eine höhere Anziehungskraft.
Luxemburg, Malta und Island weisen allerdings bloss eine Bevölkerung von einigen hunderttausend Personen auf, Liechtenstein von einigen zehntausend. Deshalb kann man sie mit der Schweiz nur bedingt vergleichen.
Zumindest einige Gemeinsamkeiten weist die Schweiz mit Luxemburg allerdings auf: Beide Länder haben ein unternehmensfreundliches Steuersystem und einen international ausgerichteten Dienstleistungssektor. Das sind Triebkräfte der Zuwanderung.
Es gibt darüber hinaus weitere Theorien, warum die Schweiz, aber auch Luxemburg auf EU-Bürger eine so starke Anziehungskraft ausüben.
• In Europa fand in den vergangenen dreissig Jahren eine Wanderung von Südost- nach Nordwesteuropa und in die grossen Agglomerationen statt. Den stärksten Sog hätten dabei diejenigen Städte entwickelt, die über einen hochentwickelten Tertiärsektor verfügten, schreibt der Brüsseler Think-Tank Espon. Das trifft auf die Schweizer Grossstädte zu.
• Espon sieht darüber hinaus eine weitere Sogwirkung: «Gut ausgebildete Migranten ballen sich in Orten, wo auch die einheimische Bevölkerung gut ausgebildet ist.» Auch das dürfte auf die Schweiz zutreffen.
• Die Schweiz ist Teil der sogenannten blauen Banane, einer Region, die gleichsam das wirtschaftliche Herz Europas ist. Sie erstreckt sich von London über die Region Benelux und das Rheinland bis nach Norditalien. Die Region ähnelt einer Banane; es ballen sich hier Ausbildungsstätten, Forschungseinrichtungen, Infrastruktur und global tätige Firmen. Entsprechend hoch ist der Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften.
• Erstklassige öffentliche Dienste, ein angenehmes soziales Klima und eine verlässliche Verwaltung entfalten ebenfalls Anziehungskraft auf Zuwanderer.
• In der Schweiz sind die drei grossen europäischen Sprachen Deutsch, Französisch und Italienisch Landessprachen. Über 220 Millionen Menschen leben in Ländern, in denen diese Sprachen ebenfalls verwendet werden. Das senkt die Hürde einer Migration in die Schweiz.
Letztgenanntes dürfte auch einer der Gründe sein, warum die Westschweiz, das Tessin und Zürich in Europa zu den Regionen mit dem höchsten prozentualen Anteil an EU-Bürgern zählen. Nur in Luxemburg, wo Deutsch und Französisch ebenfalls Amtssprachen sind, ist er noch höher. Gleichzeitig handelt es sich bei den drei Regionen um städtische Ballungszentren mit einer diversifizierten Wirtschaft. Der Anteil der EU-Bürger an der gesamten Zuwanderung ist in der Schweiz mit 58 Prozent hoch. Kein anderes grösseres Land auf dem Kontinent erreicht diesen Wert. Vor allem die osteuropäischen Staaten sind im Vergleich damit kaum in der Lage, Europäer anzuziehen. Ökonomisch kann sich das als Nachteil herausstellen: Es fehlen die hochqualifizierten Migranten aus Westeuropa, welche für den Strukturwandel der Wirtschaft unerlässlich sind.
Die Dynamik der Schweizer Wirtschaft und die Rolle der Geografie spiegeln sich auch bei den Pendlerbewegungen. Nur Deutschland mit seiner langen Grenze weist noch mehr Grenzgänger auf als die Schweiz.
Luxemburg ist ebenfalls ein Magnet, wobei auch in dieser Hinsicht Ähnlichkeiten mit der Schweiz bestehen. Neben dem international ausgerichteten Dienstleistungssektor ist das die Lage: Luxemburg zieht in hohem Mass Grenzgänger aus Deutschland, Frankreich und Belgien an. Am Morgen und am Abend stauen sich jeweils die Berufspendler. Die Infrastruktur des Grossherzogtums ist dem hohen Verkehrsaufkommen nicht gewachsen.
Obwohl in vielen EU-Ländern nach wie vor wenige Bürger aus anderen Ländern des Staatenbundes beheimatet sind, hat die Binnenmigration in der EU bis vor kurzem zugenommen. Politiker und Ökonomen betrachten diese Entwicklung allerdings unterschiedlich.
Der ehemalige EZB-Präsident Mario Draghi etwa beklagt in seinem Bericht zur Wettbewerbsfähigkeit der EU, dass weiterhin nur wenige Europäer in ein anderes EU-Land zögen. Er führt das auf sprachliche und kulturelle Barrieren zurück, aber auch auf die mangelnde gegenseitige Anerkennung von Berufs- und Studienabschlüssen. Gleichzeitig gibt es in der EU Stimmen, die kritische Aspekte der Personenfreizügigkeit betonen. So hat der ehemalige italienische Ministerpräsident Enrico Letta vor zwei Jahren in einem Bericht zuhanden des EU-Rates auf einige wunde Punkte verwiesen. Erstens nannte er die EU-Binnenmigration in die blühenden Städte, wo sich die Bevölkerung teilweise über Wohnungsnot beklage. Mehr Kopfzerbrechen scheint ihm zweitens aber eine andere Folge der Personenfreizügigkeit zu bereiten: der Bevölkerungsrückgang in vielen Regionen der EU. 135 Millionen EU-Bürger, also fast ein Drittel, lebten in Gegenden, die in den vergangenen zwanzig Jahren demografisch zurückgefallen seien, sagt Letta. Dort schrumpfe die Arbeitsbevölkerung, besonders qualifizierte Angestellte fehlten. Rückläufig war die Bevölkerung in den vergangenen Jahren in sieben EU-Ländern: in Bulgarien, Griechenland, Italien, Lettland, Ungarn, Polen und der Slowakei. Teilweise hat der Bevölkerungsschwund dramatische Ausmasse angenommen. Bulgarien etwa hatte 1989, als der Eiserne Vorhang fiel, knapp 9 Millionen Einwohner. Jetzt sind es noch 6,4 Millionen.
Solche hohen Bevölkerungsverluste erschweren es den Staaten, die Infrastruktur und den Sozialstaat zu finanzieren.
Die Bevölkerung der EU wächst zwar insgesamt weiter, aber nur infolge der Zuwanderung von ausserhalb. Denn die Zahl der Todesfälle übersteigt jene der Geburten seit 2012. In der Schweiz verhält es sich dagegen nach wie vor umgekehrt: 2025 gab es 6000 mehr Geburten als Todesfälle. Das ist auch eine Folge der Zuwanderung: In die Schweiz kommen viele Menschen im gebärfähigen Alter, die hier in gesicherten Verhältnissen leben. NZZ, 22. April 2026, S. 24