Frühsozialismus und moderne Schweiz

Das Büchlein, das nur mehr auf dem Internet verfügbar ist [^1] ist Teil einer Trilogie zur Geschichte der direkten Demokratie in der Schweiz und ist Resultat einer Tagung zum Thema. Weitere Tagungsbände sind den Themen «Katholizismus und moderne Schweiz» (2016) sowie «Liberalismus und moderne Schweiz» (2017) gewidmet.

Gemäss Herausgeber war der Sozialismus eine europäische Bewegung, die recht heterogen war und unterschiedliche demokratische Konzepte entwickelte. Unter anderem wurden auch direktdemokratische Konzepte bezüglich des Staates entwickelt. Roca trachtet danach, in diesem Zusammenhang eine Abgrenzung der «frühsozialistischen» von marxistischen und anarchistischen Konzepten einer Rätedemokratie vorzunehmen. Er diskutiert Ansätze von Robert Owen und Etienne Cabet, sowie die radikaldemokratische Bewegung im Kanton Basel-Land sowie den Westschweizer Anarchismus.

Im Schlusswort hält er fest, dass die sogenannten Frühsozialisten mit durchaus realistischem Problembewusstsein eine Antwort auf die soziale Frage zu geben versuchten und mit Anregungen zu Genossenschaftsgründungen sozialpolitische Akzente setzten. Auch in der Schweiz regten Frühsozialisten im gesamten 19. Jahrhundert wichtige reformerische Impulse an, gerade auch was eine naturrechtlich begründete, demokratische Entwicklung der politischen Ebene betraf. Solche Überlegungen, die in konkrete Forderungen gebracht und mit politischen Aktionen unterstützt wurden, gipfelten in der ‹Demokratischen Bewegung› der 1860er und 1870er Jahre und förderten so – neben der kantonalen – auch auf der bundesstaatlichen Ebene die Einführung direktdemokratischer Instrumente. Konkret leisteten zum Beispiel Karl Bürkli, Emil Remigius Frey und James Guillaume entscheidende Beiträge zur Förderung der direkten Demokratie. Sie betonten speziell die Bedeutung der persönlichen Freiheit, des Föderalismus sowie des Genossenschaftsprinzips. In diesem Zusammenhang machten die Frühsozialisten in diversen Kantonen Front gegen die Liberalen und führten die Instrumente der direkten Demokratie nach langen und hartnäckigen politischen Kämpfen ein. Dieser Einsatz für mehr Volksrechte war für die Frühsozialisten stets auch ein Kampf für mehr soziale Rechte. Die Ausführungen von Roca sind interessant zu lesen, wenn er auch manchmal die Schweiz beschönigt (Staatsaufbau von unten und nicht von oben! Das ist zwar in der Schweiz wohl mehr der Fall als anderswo, aber die faktischen Machtverhältnisse sehen doch etwas weniger «von unten» aus). Werner Wüthrich behandelt in seinem Beitrag den Einfluss von Charles Fourier, Victor Considerant und Karl Bürkli auf die Entwicklung der direkten Demokratie und des Genossenschaftswesens in der Schweiz. Fourier, Considerant und Bürkli verfolgten mit ihrer Genossenschaftsidee einen ganzheitlichen Ansatz – vor allem die Wirtschaft sollte genossenschaftlich organisiert sein – und verlangten auch die volle gesellschaftliche und wirtschaftliche Gleichstellung der Frauen.

Es ist interessant, dass bei linken Bewegungen der Genossenschaftsgedanke immer wieder Auftrieb erhält, so z.B. auch nach der 68er-Bewegung. Zu untersuchen wäre, wieso es Genossenschaften schwer haben. Ausnahmen zu sein scheinen Genossenschaften, die einen professionellen Überbau entwickeln (Coop, Migros, Wohngenossenschaften mit professioneller Verwaltung), während andere Genossenschaften oft scheitern.

In einem französischsprachigen Artikel widmet sich Olivier Meuwly der Bewegung der Radikalen in der Romandie. Er weist dabei auf die sehr unterschiedlichen Ausprägungen der «Radicaux» in den verschiedenen Kantonen hin. Bei manchen linken «Radikalen» im Waadtland spielte z. B der Einfluss von Proudhon eine gewisse Rolle (Föderalismus, gegen starken Einheitsstaat).

Ruedi Brassel liefert einen Beitrag zu Leonhard Ragaz bezüglich religiösem Sozialismus und direkter Demokratie. Ragaz hat ebenfalls genossenschaftliche Ideen vertreten und äusserte dezidiert seine Abscheu vor jeglichem Etatismus und Bürokratismus. Er trat für alles individuelle Leben ein und entsprechend für eine freiheitliche Ordnung. Dabei ist die Frage direkter Volksentscheide für Ragaz nicht von besonderer Bedeutung: er möchte die konkreten Lebensverhältnisse der Menschen demokratisieren. Brassel weist auf den vagen Charakter solcher Konzeptionen hin.

In einem letzten Kapitel beschreibt Michael Lauener den Kampf Jeremias Gotthelfs gegen die demokratischen Ideen. Es treten bei Gotthelf klassische Argumente gegen die Demokratie auf: er sieht die stimmberechtigte Bevölkerung als potentielles Opfer von Demagogen. Er spricht von der «gänzlichen Urteilsunfähigkeit der Menge». Gotthelf vertrat demgegenüber die Idee eines «christlichen Staates», wobei er darunter nicht die Wiederherstellung des Ancien Régimes verstand. Gotthelf hielt nicht nur die Radikalen, die Frühsozialisten und Kommunisten für unchristlich, sondern auch die alten Patrizier, die in seinen Augen eigennützige Krämerseelen waren.

René Roca (Hg.) (2018), Frühsozialismus und moderne Schweiz: Beiträge zur Erforschung der Demokratie 3, Basel: Schwabe.

[^1] https://www.fidd.ch/­files/­Publikationen/­tagungsbaende/­Tagungsband%202%20-%20Webseite.pdf

© 1992-2026 Forum für direkte Demokratie |forum@europa-magazin.ch


Website: Chris Zumbrunn - Fundierte Erfahrung. Effiziente Umsetzung. - zumbrunn.com

Datenschutzhinweiskeine Cookies
kein Tracking
keine Einwilligungsdialoge