Ist der Euro mitschuldig an der Rezession?
Konjunkturelle Probleme einer Einheiwährung
Von Karl Socher*, eritierter Professor für olitische Ökonomie der Universität Insbruck.
Die Konjunkturabschwächung im Euro-Gebiet hat etwa eineinhalb Jahre nach Einführung des Euro als Buchgeld (1999) begonnen, und sie setzte sich nach Einführung des Euro-Bargeldes (2002) fort. Könnte der Euro also mitschuldig sein an der Hartnäckigkeit der Rezession und Stagnation? In den USA war zwar ebenfalls eine Rezession zu verzeichnen, aber die deutsche und die italienische Konjunkturschwäche wirken tiefgreifender, und der Kurszerfall der Aktien war in Deutschland weit stärker als in den USA. Die These einer prozyklischen Wirkung des Euro in einzelnen Ländern findet sich schon in der von der EG 1992 veröffentlichten Studie «Ein Markt - eine Währung»: Länder, die bis zur Schaffung der Währungsunion über eine stabile Währung - mit entsprechend stabilen Konjunkturverläufen - verfügten (wie Deutschland), würden durch die gemeinsame Währung an Stabilität verlieren, eher instabile Länder jedoch würden grössere Stabilität als bis dahin erreichen. Das Argument beruht darauf, dass die Deutsche Bundesbank ihre Politik auf die deutsche Entwicklung abstellen konnte. Dagegen kann ein einzelnes Land im Euro-Raum nicht mit Geld- und Währungspolitik auf Entwicklungen reagieren, die nur es allein, nicht aber die anderen Länder der Union betreffen. Notwendig wäre somit eine hohe Lohn- und Preisflexibilität oder entsprechende Arbeitskräftemobilität. Beide sind in der EU nicht gegeben.
Überinvestitionen im ungünstigen Moment
Für die These der Mitschuld des Euro an der Dauer der Rezession gibt es mehrere Argumente:
1. Die Ursachen für den Konjunkturrückschlag sind gemäss der Österreichischen Konjunkturtheorie (F. A. von Hayek) schon im Aufschwung zu finden, nämlich in einer «Überinvestition». Neben dem Aufkommen neuer Technologien und der Aktienhausse hat - in geringem Umfang - auch die Einführung des Euro zu solcher Überinvestition beigetragen, etwa durch zusätzliche Investitionen (wie Errichtung von Banknotendruckereien), Umstellungen von EDV-An1agen oder Propagierungsausgaben. Diese Ausgaben wurden zum Teil durch Notenbankgelder und Banken-Geldschöpfung finziert. Selbst wenn man die Einführungskosten vorsichtig auf nur 2% des Bruttoinlandprodukts (BIP) schätzt, ergeben sich bei einer Einführungsphase von vier Jahren 0,5% pro Jahr. Sie fielen zum Grossteil in der Überhitzungsphase vor der Krise an und wurden mit Beginn der Abschwächung abgebaut, wirkten also prozyklisch.
2. Die Euro-Bargeld-Einfühung hat zwar nicht das allgemeine Preisniveau erhöht, sie hat aber in einzelnen Sektoren, vor allem im Gastgewerbe, zu Preissteigerungen geführt. Selbst heute noch ist bei einer Mehrheit der Konsumenten die Meinung zu finden, der Euro sei ein «Teuro». Dieses Gefühl einer unerwarteten Preissteigerung dürfte bei den Konsumenten eine gewisse Kaufzurückhaltung bewirkt haben.
Zu hohe Realzinsen im wichtigsten Land
3. Die wichtigste prozyklische Wirkung der Einführung des Euro war die Umkehr der Realzinsdifferenz zwischen den Euro-Ländern. Vor Abschaffung der D-Mark war der Realzins (Nominalzins minus Inflationsrate) in Deutschland dank der Stabilitätspolitik der Bundesbank niedriger als in den meisten anderen Ländern, vor allem, als sich vor dem Start der Währungsunion die Inflationsraten ausserhalb Deutschlands immer mehr den deutschen anglichen, die Nominalzinsen aber höher blieben. Durch die Währungsunion wurde der Nominalzins für den Euro «gleichgeschaltet»; die Teuerungsraten divergieren aber mehr als vorher. Deshalb kam Deutschland im Juni mit einer Inflationsrate von 0,9% auf einen um bis zu fast 3 Prozentpunkte höheren Realzins als etwa Portugal, Griechenland und Irland (Inflationsraten zwischen 3,4% und 3,8%). Die Investitionskosten in Deutschland haben sich also gegenüber jenen in den peripheren Ländern dramatisch erhöht. Dazu kommt die vorteilhafte Wirkung des Euro auf Investitionen in anderen Euro-Ländern, weil das Wechselkursrisiko bzw. die mit den Währungsschwankungen verbundenen Transaktionskosten weggefallen sind.
4. Eine ähnliche Entwicklung ist nun in einigen EU-Beitrittsländern zu beobachten. Dort gleichen sich die Nominalzinsen den Euro-Zinsen zunehmend an, während die Inflationsraten auf einem höheren Niveau als im Euro-Raum verharren. Dank den niedrigen Realzinsen werden Investitionen von der EU in diese Länder verlagert.
5. In manchen kleineren Euro-Ländern (z. B. Österreich) disziplinierte das Ziel der Aufrechterhaltung des Wechselkurses auch die Lohnpolitik. Heute wird bei Lohnerhöhungen nicht mehr unmittelbar erkennbar, dass sie die Wettbewerbsposition eines Landes verschlechtern, weil die Zahlungsbilanz eines Euro-Landes praktisch keine Bedeutung mehr hat.
Eine deflationäre Spirale
6. Wenn das Inflationsziel von 2% eingehalten wird, aber unterschiedliche Inflationsraten herrschen, bedeutet dies, dass in einzelnen Euro-Ländern die Inflationsrate auf 1 % oder darunter fallen muss. Das kann deflationäre prozyklische Effekte auslösen. Schon eine Inflationsrate von 1 % entspricht ja wegen des Schätzcharakters der Indexberechnung oft einem stabilen Preisniveau. Das heisst, dass es in vielen Bereichen zu Preissenkungen kommt, die eine prozyklische Zurückhaltung bei Käufen und Krediten auslösen, wie sie in einer Deflation allgemein zu beobachten ist. Die deflationären Entwicklungen auf einzelnen Märkten können sich wiederum auf andere Märkte übertragen. Selbst wenn es noch einige Bereiche mit steigenden Preisen gibt, kann die negative psychologische Wirkung, die von deflationären einzelnen Märkten ausgeht, doch überwiegen.
7. In der Währungsunion fehlt ein Ausgleichsmechanismus, wie er in jeder Wechselkurs-Union besteht Wenn ein Land in einer Wechselkurs-Union in einer Abschwächungsphase durch zurückbleibende Inflationsraten, vermehrte Exportanstrengungen und Importrückgänge seine Zahlungsbilanz verbessert, fliessen die zusätzlichen Devisenreserven der Notenbank zu. Damit wird Notenbankgeld geschaffen, daraufhin kann die Giralgeldmenge um ein Mehrfaches des Zuflusses ausgeweitet werden (Giralgeldmultiplikator). Durch diese Ausweitung der Geldmenge wird die Konjunktur angeregt. In einer Währungsunion gibt es diesen Ausgleichsmechanismus nicht mehr im gleichen Umfang, denn die mehrfache Wirkung kleiner Zahlungsbilanz-Änderungen auf die Geldmenge fällt weg. Gegenüber dem Nicht-Euro-Raum wirkt zwar der Mechanismus noch, aber die Leistungsbilanz des gesamten Euro-Raums ist relativ zum Gesamteinkommen des Euro-Raums viel kleiner als in einem einzelnen Land mit eigener Währung.
8. Die Euro-Schwäche nach der Einführung wirkte prozyklisch; sie förderte den Export in der Boomphase. Umgekehrt gehen vom höheren Euro-Kurs der letzten Zeit konjunkturdämpfende Effekte aus. Der steigende Kurs löst zwei «Verstärker» aus: In Ländern mit «dollarisierter» Währung wie Russland wird vermehrt auf den Euro umgestiegen, ebenso wohl auch in den EU-Beitrittsländern. Dazu wechseln viele Notenbanken (sogar Euro-Notenbanken) Dollar-Reserven in Euro-Reserven um. Beides stützt den Euro.
Stärkere Ausschläge in der Zukunft?
Die Einführung des Euro dürfte also zum langen Anhalten der Stagnation beigetragen haben. In Zukunft könnten zudem im Euro-Gebiet die Konjunkturausschläge stärker werden, denn die Gleichschaltung der Geldpolitik wird zu einer Synchronisierung der Konjunkturen beitragen. Vor der Euro-Einführung haben die Unterschiede der Geld- und Konjunkturpolitik in den einzelnen Ländern gelegentlich gegenläufige Konjunkturphasen zugelassen und damit im Schnitt die Ausschläge der europäischen Konjunktur geglättet. NZZ. 8. September 03, S. 15