Der Migrationprozess feminisiert sich: den Hauptteil der Migrations-Ströme der 80er und 90er Jahre machten die Frauen aus. Dies gilt besonders für die Migration aus Süd- und Mittelamerika und aus der Karibik.
von Jael Bueno, Sekretariat der Migrantinnen-Organisation "Nosotras" in Zürich
Zwei Migrationswellen
Grosso modo kann man bei der lateinamerikanischen Migration zwei Wellen unterscheiden: Die erste Welle
bestand vor allem aus politischen Flüchtlingen: In Lateinamerika sind die 70er Jahre und die erste Hälfte der
80er Jahre durch Militärdiktaturen geprägt. Tausende von Personen in Chile, Argentinien, Bolivien und
Kolumbien sahen sich gezwungen, ihre Länder zu verlassen und Zuflucht in Europa zu suchen. Als
politische Flüchtlinge kamen sie in die Schweiz, nach Schweden, Deutschland, ôsterreich, Belgien oder
Dänemark. Sie erhielten direkte Unterstützung vom Staat. Die oft männlichen Asylbewerber beantragten
häufig die Familienzusammenführung. Die meisten Migrantinnen der siebziger Jahre kamen als
Familienangehörige von politischen Flüchtlingen. Ihre Aufenthaltsbewilligung hing vom Ehemann ab.
Jegliche Unterstützung erhielten sie wegen ihren Ehemännern. Die Migrantinnen der 70er Jahre öffneten den
Weg für die nachkommenden Migrantinnen in den Arbeitsbereichen Hausarbeiten, Putzen, Service, Hüten
von Kindern und Betreuung von älteren Menschen.
Ende der 80er Jahre begann die zweite Migrationswelle: die selbständige Migration von lateinamerikanischen
Frauen nach Europa, vor allem in die Schweiz, nach Holland, Deutschland, Spanien, Schweden, Belgien
und ôsterreich {SONDZEICHEN 45 \f "Symbol"} auf der Suche nach einem besseren Leben. Der
entscheidende Faktor dieser Suche ist die soziale und ökonomische Krise im Lateinamerika der letzten 15
Jahre. Die 80er Jahre sind in Lateinamerika die Zeit der populistischen Regierungen. IWF, Weltbank und
Club de Paris liessen ihnen keine finanzielle Unterstützung zukommen. Das Weisse Hause liess es an
Anerkennung fehlen. Es ist die Zeit der Implementierung der Strukturanpassungsprogramme. Die
Privatisierung von Staatsbetrieben und Dienstleistungen (Gesundheitswesen, Erziehungswesen), die
Freigabe der Preise von Grundnahrungsmitteln, die Förderung der Exportproduktion und Entlassungen
sollten die Krise beheben. Die Frauen tragen die entsprechenden Lasten. Sie können das überleben ihrer
Familie nicht mehr sichern, obwohl sie in den Ländern Lateinamerikas kreative Strategien entwickelten (wie
z.B. Comedores populares, Produktionsprojekte etc.). Die Frauen suchten daraufhin neue
überlebens-Strategien in der internationalen Migration.
Migrations-Brücken nach Europa
Das Kontaktnetz der ersten Migrantinnen: Eine Brücke für die Migrantinnen der achtziger und neunziger
Jahre bildeten die ersten Migrantinnen in der Schweiz. Diese hatten ein Informations- und Kontaktnetz zu
Frauen in ihren Herkunftsländern aufgebaut. Verwandte, Freundinnen und Nachbarinnen kamen und
kommen mit Hilfe der hier ansässigen Migrantinnen in die Schweiz, um temporär zu arbeiten. Die meisten
gehören zur Gruppe der "undokumentierten" Migrantinnen.
Organisierte Prostitution und Frauenhandel: Netze des Frauenhandels für Prostitution sind in ganz
Lateinamerika und Europa verbreitet und es wird mit Tausenden von Frauen gehandelt. Diese Netze ködern
über ihre lateinamerikanischen "Büros" Frauen, indem gut bezahlte Arbeit in Restaurants und Läden oder
Arbeit auf kulturellem Gebiet versprochen wird. Sie bieten Heiraten mit europäischen Männern an. Auf diese
Weise kommen Hunderte von Frauen nach Europa und sind dann gezwungen, als Stripteasetänzerinnen in
Nachtklubs zu arbeiten. Dort müssen sie die Männer animieren, Champagner zu trinken, oder sie sind
gezwungen, in Massagesalons oder als Prostituierte zu arbeiten.
Männertourismus in Lateinamerika: Brasilien und die Karibik werden von den Reisebüros als Länder des
Sex- und Heiratstourismus angepriesen. Sie bieten den Touristen laut Werbung: "dunkle und weiche Haut an
paradiesischen Stränden, zärtliche Ferienfreundinnen". Manche Touristen versuchen ihren Traum, eine
sanfte und fröhliche Frau zu finden, umzusetzen. Sie versprechen ihr die Verlobung. Später schenken sie ihr
eine Reise nach Europa, um sie besser kennenzulernen. Diese Frauen bleiben zuerst drei Monate, später
sechs Monate oder gar viele Jahre in Europa und warten geduldig darauf, dass ihr Freund sich entschliesse,
sie zu heiraten. In vielen Fällen werden die Männer gegenüber den Frauen gewalttätig. Diese können die
Gewalttäter wegen ihres illegalen Aufenthaltes nicht anzeigen.
Das Netz der "Entwicklungszusammenarbeit": über das Netz der "Entwicklungszusammenarbeit", kamen
viele Liebesfreundschaften zustande. Volontäre, Mitarbeiter, Techniker, Berater, Koordinatoren aus Europa
begannen eine Beziehung zu berufstätigen Frauen in den NGOs (Nicht-Regierungsorganisationen). Viele
dieser Beziehungen führten zur Heirat. Diese hatte dann die Migration der Frauen in das Land ihres Mannes
zur Folge. Für die meisten dieser Frauen von "Entwicklungsarbeitern" ist das Leben in Europa mit vielen
Konflikten verbunden. Ihr Leben als Migrantin entwickelt sich in ökonomischer und emotionaler
Abhängigkeit von ihrem Mann.
(5) Auf der Suche nach dem El Dorado: Seit Ende der 80er Jahre steigt die Migration von lateinamerikanischen Migrantinnen nach Europa, die Arbeit suchen. Hunderte von Frauen reisen ohne Aufenthaltsbewilligung und ohne Kontaktnetze ein. Diese Frauen kommen alleine oder in Gruppen mit der einzigen Absicht zu arbeiten; sie wollen Geld verdienen, um dann zurückzukehren. Vom Erfolg ihrer Migrationsreise hängt die Erfüllung vieler Wünsche für das Wohlergehen ihrer Familie ab. Sie müssen ihre Reiseschulden bezahlen, das Leben und die Ausbildung ihrer Kinder sichern, Geld zusammenbringen, um ein kleines Geschäft aufbauen zu können.
Beschäftigungslage und Integration
Die Beschäftigungslage bei den Lateinamerikanerinnen tendiert in Richtung Haus- oder Sexarbeit. Die Migrantinnen fügen sich zudem in Europa als Ehefrauen ein, als Lebenspartnerinnen, Arbeiterinnen im Dienstleistungsbereich (Haushaltangestellte, Verkäuferinnen) oder als informelle Arbeiterinnen (Putzfrauen, Sexarbeiterinnen). Im Bereich Hausarbeit arbeiten oft gut ausgebildete Frauen. In Europa können sie ihre gelernten Berufe nicht ausüben, weil ihre Titel nicht anerkannt werden.
Die lateinamerikanischen Migrantinnen haben kaum Möglichkeiten, ihren eigenen Platz in der europäischen Gesellschaft zu erlangen. Einerseits verhindern die Migrationsregelungen, dass sie eine unabhängige Aufenthaltsbewilligung erhalten können. Der Aufenthalt der lateinamerikanischen Migrantinnen ist somit illegal und die Schwarzarbeit wird gefördert. Andererseits baut der Eurozentrismus eine unsichtbare Mauer zwischen Migrantinnen und einheimischer Bevölkerung auf.
Die Migrantinnen bleiben von den Informationen über ihre Rechte ausgeschlossen, in vielen Fällen sind sie für die Institutionen, die die Integrationsarbeit leisten, nur Klientinnen, Opfer oder Studienobjekte; fast nie Menschen. So lebt z.B. ein beträchtlicher Teil der lateinamerikanischen Ehefrauen und Lebenspartnerinnen in Europa in ökonomischer und sozialer Abhängigkeit von ihren Männern. Als berufstätige Frauen können sie sich nicht verwirklichen, dazu kommen das Sprachproblem und die Isolation. Noch schwieriger haben es die Mütter, die noch die Verantwortung für die Kinder und die Hausarbeit übernehmen müssen, weil die so oft genannte Gleichstellung zwischen Frauen und Männer noch nicht in die Praxis umgesetzt ist.
Migrationspolitik in Europa
Europa riegelt unter dem Slogan "Europa für die Europäer" seine Grenzen ab. Es werden Zwei- und Drei-Kreise-Modelle diskutiert, die auf traditionellen rassistischen und eurozentristischen Kriterien beruhen. In diesen Modellen werden, basierend auf geografischen, kulturellen, politischen und ökonomischen Argumentationen, Kriterien zur Rekrutierung von ausländischen Arbeitskräften aufgestellt. So legt das Drei-Kreise-Modell folgende Abstufung fest:
- der ersten Kreis umfasst privilegierte EinwanderInnen aus den EU oder EFTA-Staaten
- der zweite Kreis umfasst die ImmigrantInnen aus den USA, Kanada, Australien, Neuseeland, Mittel- und Osteuropa
- der dritte Kreis umfasst die unerwünschten ImmigrantInnen aus Lateinamerika und der Karibik, Asien und Afrika.
Im Zwei-Kreise-Modell stimmt der erste Kreis mit dem aus dem Drei-Kreise-Modell überein, während der zweite Kreis die übrigen Länder der Welt umfasst. Im Innern des zweiten Kreises bestehen jedoch weiterhin klare Präferenzen und Restriktionen.
Diese zwei Modelle begründen die Diskriminierung der ImmigrantInnen des Südens durch kulturelle Unterschiede. Die Zugehörigkeit zur europäischen Kultur soll für die Aufnahme der migrierenden Personen bestimmend sein, da * so argumentiert man * nur diese Personen ohne weiteres in das europäische soziale Leben integriert werden können. Die "kulturelle Distanz" zwischen der europäischen Bevölkerung und den Personen, die nicht diesem europäischen Kulturkreis angehören, würden unnötige Problem schaffen. Man verwendet Argumentationen des modernen Rassismus, um die Vorrechte der Vertreter der europäischen Kultur aufrechtzuerhalten.
Migrantinnen-Initiativen
Ende der achtziger Jahre wurden in vielen europäischen Ländern von Europäerinnen und humanitären Organisationen die ersten Beratungsstellen für Migrantinnen gegründet. Diese Organisationen integrierten in der Folge langsam die Migrantinnen in ihre Strukturen. In diesen gemischten Gruppen konfrontieren sich die unterschiedlichen Erfahrungen, und es werden Formen der interkulturellen Arbeit angestrebt. Beispiele solcher Organisationen sind etwa: Agisra (Comunidad de trabajo contra el trâfico sexual y racial) in Frankfurt am Main; LAWRS (Servicio por los derechos de la mujer latinoamericana) in London; STV (Fundación contra el trafico de mujeres) in Amsterdam, FIZ (Centro de información para mujeres del tercer mundo) in Zürich.
Anfangs der neunziger Jahre entstanden in vielen europäischen Ländern Migrantinnenorganisationen, so z.B. in Spanien die AMDE, ein Verein der Dominikanerinnen in Spanien, aktiv seit 1991, mit Sitz in Madrid. Geboten werden Informationen für dominikanische Migrantinnen und die Bevölkerung. Es werden Seminarien veranstaltet, Workshops über Sexualität und Computerkurse angeboten. In Deutschland wurde im Jahre 1996 Killa Kaypi, eine lateinamerikanische Frauengruppe mit Sitz in Freiburg im Breisgau gegründet. Ihre Ziele: Verbreitung von Informationen an Migrantinnen, Aufbau eines Treffpunkts für lateinamerikanische Migrantinnen in Freiburg. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit besteht in einem Radioprogramm. In England besteht seit 1993 die Organisation PRAXIS mit Sitz in London. Migrantinnen und Flüchtlingsfrauen aus Lateinamerika bieten Beratung in verschiedene Bereichen: Wohnung, Sozialversicherung, Arbeit, Migration, Gewalt in der Familie, Ausbildung. In der Schweiz wurde im September 1992 NOSOTRAS gegründet. Es handelt sich um eine Migrantinnenorganisation von Frauen aus Lateinamerika und der Karibik mit Sitz in Zürich. Die Schwerpunkte ihrer Arbeit sind die Herausgabe einer Zeitschrift, Radiosendungen und die Teilnahme an Seminarien und Workshops. Dort können Erfahrungen zwischen Migrantinnen und Schweizerinnen ausgetauscht werden.
Netzwerk "Aqui Nosotras"
Im Mai 1992 wurde an einem ersten Treffen von Europäerinnen und Lateinamerikanerinnen in Oostmalle, Belgien, ein Netzwerk der verschiedenen Migrantinnen-Organisationen gegründet. "Aqui Nosotras" will die Kommunikation zwischen den Frauen und ihren Organisationen in Lateinamerika und Europa fördern. Der erste Sitz des Netzwerkes befand sich in Belgien. Die Koordinationsarbeit wurde von einer gemischten Gruppe von Lateinamerikanerinnen und Belgierinnen geleistet. Heute befindet sich der Sitz in Spanien und die Koordinationsarbeit wird von der Migrantinnenorganisation AMDE geleistet. Im Netzwerk gaben von Anfang an Lateinamerikanerinnen, die in Europa als Migrantinnen leben, den Ton an. Dadurch setzte sich als Ziel des Netzwerkes deutlich die Aufgabe durch, einen Raum für die Koordinationsarbeit zwischen Frauenorganisationen, Migrantinnenorganisationen und Frauen zu bieten. "Aqui Nosotras" konnte so eine Verbindung zwischen Migrantinnenorganisationen und Organisationen, die mit Migrantinnen arbeiten, erreichen und vermochte Regionalkontakte in Österreich, England, Niederland, Schweiz, Spanien, Deutschland und Dänemark aufzubauen.
Unsere Forderungen
Das neue Jahrtausend wird durch ein sehr wichtiges soziales Faktum geprägt werden: die freiwilligen oder erzwungenen Wanderungen von Tausenden von Menschen zu anderen Völkern, Ländern und Kontinenten. In diesem Rahmen hat die Migrationspolitik als Fernziel das fundamentale Recht auf den freien Personenverkehr anzupeilen. Insbesondere sind Hierarchisierungen zwischen Personen verschiedener kultureller, sozialer und ethnischer Zugehörigkeit zu unterlassen. Die Aktionsplattform, die in Peking von den Regierungen an der 4. Weltfrauenkonferenz verabschiedet wurde, erweist sich als nützliches Instrument, um unsere Forderungen durchzusetzen.
1. Förderung der Migrantinnenorganisationen von Frauen aus Lateinamerika und der Karibik in Europa. (Art. 175d: Unterstützung von Programmen, welche die Eigenständigkeit von Frauen ethnischer und herkunftsmässiger Minderheiten stärken.)
2. Förderung der Zusammenarbeit und des Informationsausstausches zwischen lateinamerikanischen und karibischen Migrantinnen- und Frauenorganisationen.
3. Stärkung der Zusammenarbeit zwischen Migrantinnenorganisationen und Frauenorganisationen.
4. Migrantinnen aus allen Ländern müssen gleich behandelt werden, um eine Aufenthaltsbewilligung zu bekommen. (Art. 178b: Erlass und Durchsetzung von Gesetzen und Massnahmen, welche die direkte und indirekte Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, des Familienstands, etc., ebenso die rassistische Schikanierung verbieten.).
5. Migrantinnen müssen als eigenständige Rechtspersönlichkeiten anerkannt werden. (126d: Erarbeitung und Durchsetzung von Rechtsvorschriften zum Schutze von Migrantinnen.)
6. Frauenspezifische Fluchtgründe müssen wahrgenommen und als Asylgrund anerkannt werden. (Art. 147h: Überprüfung der Anerkennung von Verfolgung aufgrund der Geschlechtzugehörigkeit als Asylgrund.)
7. Recht auf Familien- und Kindernachzug. (Art. 148b: Überprüfung der Möglichkeit, den Aufenthalt für weibliche Familienangehörige zu verlängern, wenn der Familienverband zerfällt.)
8. Eine Politik im Dienste der Migrantinnen muss unter deren Mitwirkung erfolgen. Diese erfolgt bereits in der Planungsphase und erstreckt sich auf die Umsetzungsphase.
9. Förderung der Verbreitung von Informationen (über Ressourcen, Migrationsgesetz, etc.) an Migrantinnen. (Art. 125b+: Einrichtung von in sprachlicher und kultureller Hinsicht zugänglichen Diensten für erwachsene und jugendliche Migrantinnen und Unterstützung von Zentren für Migrantinnenfamilien. Art. 58k: Gewährleistung der vollen Verwirklichung der Menschenrechte für alle Migrantinnen.)
10. Im Herkunftsland erworbene Ausbildungen, Diplome, Qualifikationen und Berufserfahrungen müssen anerkannt werden. (Art. 58k+l: Erleichterung der Erwerbstätigkeit von legalen Migrantinnen durch die umfassende Anerkennung ihrer beruflichen Fähigkeiten, ausländischen Bildungsgänge und Qualifikationen.)
11. Konkubinat und Ehe müssen bei Migrantinnen die volle rechtliche Anerkennung erlangen.
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