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Identitätspolitik und soziale Frage

Die Nummer 69 des Widerspruchs widmet sich der sogenannten „Identitätspolitik“ - ein Schlagwort, das in manchen Kreisen anscheinend zu reden gibt. Was darunter zu verstehen ist, ist nicht besonders klar. Offenbar ist damit einerseits gemeint, dass Minderheitenrechte verteidigt werden (etwa von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender, Queer, sprachlichen, kulturellen oder immigrierten Minderheiten, indigenen Minderheiten, etc.). Zum anderen ist damit anscheinend gemeint, dass von der politischen Rechten geförderte Ausgrenzung von Eingewanderten mittels der Betonung der eigenen „Identität“ gefördert wird. Der Identitätsbegriff kommt bei emanzipatorischen Bewegungen eventuell dadurch ins Spiel, dass ein Minderheitsstatus immer mit einem sozial vermittelten Selbstbild (= Identität) verbunden ist. Ein solches Selbstbild entsteht dabei durch Fremd- und Selbstzuweisung, sowie durch Zurückweisung von Fremdzuweisungen, etwa durch Betonung der Berechtigung des eigenen Andersseins. Was wirklich gemeint ist, erschliesst sich durch die Lektüre des Bandes allerdings nur in Ansätzen und der Ausdruck wird in den verschiedenen Artikeln unterschiedlich verwendet.

Der erste Beitrag liefert einen interessanten Einblick in das Denken mancher Linken, die an einer sich links gebenden Ideologie für und der mobilen Mittelschichten stricken. Lotta Suter meint, „eine zukunftsgerichtete soziale Bewegung denkt und handelt nicht im nationalistischen Rahmen, sondern mit offenem Blick auf die Welt“. Sie möchte das Wort „Antiglobalisierung“ auf den Misthaufen der Geschichte schmeissen. „Unsere Welt ist und bleibt global vernetzt“. Es ist offensichtlich, dass die Welt vernetzt bleiben wird und es ist richtig, dass soziale Bewegungen Forderungen mit Rücksicht und Blick auf den Rest der Welt erheben sollten. Den Rahmen des klassischen, demokratischen Territorialstaates deshalb als „nationalistisch“ zu beschimpfen ist allerdings nicht angemessen, aber bezeichnend. Demokratie des politischen Systems gibt es bisher nur in diesem Rahmen und dieser sollte nicht vorschnell aufgegeben werden. Sie schliesst den Abschnitt mit dem US-Politologen Barber „Der Weg zum allgemeinem Wohlstand und auch der Weg zur globalen Demokratie führt heute nicht mehr durch den Nationalstaat, sondern durch die Städte“ (S. 13). Diese Aussicht ist ziemlich vage. Wie sieht denn diese „globale Demokratie“ aus und wie wird sie mittels Städten ausgestaltet? Solche schwammigen Visionen führen faktisch nur dazu, dass man den existierenden und demokratisch kontrollierbaren Rahmen für neblige Ideale aufgibt, die politische Demokratie der Rechten und den globalen Raum den Multis überlässt.

Patricia Purtschert verteidigt den Begriff der „Identitätspolitik“ gegen den Vorwurf, eine privilegierte Linke verteidige damit den eigenen Lebensstil und würde drängende Zeitfragen ausblenden. Identitätspolitik bedeute für Minderheiten vielmehr, den eigenen Erfahrungen durch gegenseitige Anerkennung Bedeutung zu verleihen und sie zum Ausgangspunkt einer Gesellschaftskritik zu machen, in der die eigenen Belange nicht negiert, sondern artikulierbar werden. Die Crux marginalisierter Menschen bestehe darin, dass sie den nicht verwirklichten Universalismus der Mehrheitsgesellschaft nicht ohne Bezugnahme auf die Differenz anfechten können, in deren Namen sie aus der Allgemeinheit ausgeschlossen werden.

Berthold Rothschild stellt dann Überlegungen zur „Identität“ aus psychoanalytischer Sicht an, wobei er vorgängig einige Kritiker des Begriffs diskutiert. „Für viele gibt sie [die Identität] der Sehnsucht einen Namen, mit sich ins Reine zu kommen, und gleichzeitig führt die Suche in die Irre, weil sie die Vorstellung suggeriert, es gelte den geheimen Bauplan zu finden, der in jedem angelegt sei und dessen Realisierung eben die volle Identität herstelle“. Rothschild ist der Meinung, dass man den Begriff „Identität“ trotzdem ganz säkular immer noch recht gut gebrauchen könne. „Er drückt aus, dass die Individuen mit ihren jeweiligen unterschiedlichen Erfahrungen, Voraussetzungen und sozialen Einbettung ein Selbstbild entwickeln“ (S. 31).

Widerspruch 69 (1/2017), Identitätspolitik und soziale Frage, Postfach CH-8031 Zürich.


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